„Das Leben ist ein Selfie“ – Der gnadenlose Faktencheck von Jenareporterin Jane Napoli (Teil 3)

25.05.15 • KULTUR & BILDUNG, STARTKeine Kommentare zu „Das Leben ist ein Selfie“ – Der gnadenlose Faktencheck von Jenareporterin Jane Napoli (Teil 3)

JenaPRanger Symbolbild Buckelmanns Welt JEZT online Satire

Angenommen, sie wären Buchhalter oder Finanzbeamtin, dann wäre Buckelmanns Auffassung von Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Arbeitseifer ungefähr so weit von der ihren entfernt, wie Barack Obamas Chancen auf eine Mitgliedschaft im Ku-Klux-Clan. Nimmt man jetzt jedoch an, Buckelmann wäre arbeitsscheu und nicht gesellschaftsfähig, dann täuscht man sich gewaltig, gehört er doch nach eigener Einschätzung zur Oberschicht der mittelmäßig Erfolgreichen, ist Mitglied in gleich drei Initiativen, von denen er einer sogar vorsteht. Buckelmann ist Hartz IV Bezieher, aber das sei nur nebenbei bemerkt, und arbeitet hauptberuflich als Aufrüttler, Aufdecker von Skandalen und Aufbereiter von Wahrheit.

Ein ganz normaler Arbeitstag beginnt bei Buckelmann damit, dass er gegen halb sechs Uhr erwacht, nach dem morgendlichen Toilettengang den Fernseher einschaltet, um im Teletext nachzuschauen, ob die Welt noch steht. Er versucht dabei, dem Bann der dort aufgereihten Ereignisse der verschlafenen Stunden nicht zu sehr zu erliegen und noch vor sechs Uhr seinen Laptop-Computer anzuschalten, um im Internet zu prüfen, ob das Fernsehen ihm gerade die Wahrheit gesagt hatte und er nicht über Nacht in den Einfluss der „Breiten Bevölkerungs-Greise“ (BBG) geraten ist, einer Gruppe alkoholabhängiger Uralt-Politiker, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Buckelmann hat, nebenbei bemerkt, darüber vor einiger Zeit eine kritisch-amüsante Kolumne veröffentlicht, glaubt, nach mehreren intensiven Gesprächen mit Gleichgesinnten über den Einfluss eines von islamischen Tempelrittern unterlaufenen Vatikan auf die Politik der EU, nun aber schon ein klein wenig daran, dass es die BBG tatsächlich gibt und dass sie ihm die Idee für das Essay sogar eingeflüstert haben könnten, als er eines Morgens mit extremen Kopfschmerzen im Stadtpark aufgewacht war, neben sich eine leere Flasche Wodka. Er hatte sich damals nicht mehr erinnern können, am Abend zuvor überhaupt etwas getrunken zu haben. Dass tatsächlich die BBG dahinter steckte, hielt Buckelmann nicht ernsthaft für eine Option, was jedoch wiederum für ihre Existenz sprach, so gerissen wie die Brüder waren.

JEZT - Jane Napoli - Symbolbild © MediaPool JenaInzwischen zeigt die Uhr in etwa zwanzig Minuten vor sieben und Buckelmann überlegt, ob er heute einmal ganz früh „auf Arbeit“ gehen sollte, wie er es nennt. Termine stehen noch keine an, also könnte er prinzipiell noch ein klein wenig zu Hause  bleiben, aber das würde ja das Klischee eines Hartz IV Empfängers bedienen und so einer ist er eben nicht: Buckelmann ist Hartz IV Bezieher, jemand, dem Förderung von Staats wegen zusteht, für das, was er macht:  Aufrüttlen, Aufdecken, Aufbereiten. Die wahren Schmarotzer sind die Staatsdiener, denkt Buckelmann: Nichtskönner, Falschspieler, Steuergeldverschwender. Um wie viel besser ist da, was er macht. Keine Frage!

Um zwanzig nach sieben sitzt Buckelmann immer noch an seinem Laptop, gibt die Idee eines ganz frühen Arbeitsbeginns auf, tendiert nun eher zu acht Uhr dreißig, was immer noch früh ist im Vergleich zu den verbeamteten Nichtstuern in Ministerien und Behörden. Die sind zwar auf dem Papier immer im Dienst, aber lachen sich doch den ganzen kurzen Arbeitstag schlapp über die dummen Steuerzahler, deren Geld sie aus dem Fenster werfen, denkt Buckelmann und beginnt damit, einen Text, den er gestern nach dem Kulturausschuss begonnen hatte zu schreiben, weiterzuführen – einen aufrührerischen Titel hat er: „Ausschuss…wie der Name schon sagt“ (Genie lässt sich eben nicht durch die Ignoranz der Politiker stoppen). Einige Schreibfehler sind noch zu korrigieren und die restlichen sechs Kapitel zu schreiben.

Um kurz vor neun Uhr ist er damit fertig und müsste nun ins Bad gehen, sich duschen und rasieren, was nach Buckelmanns fester Überzeugung nicht zu den lebensnotwendigen Verrichtungen gehört, seinem Bild in der Öffentlichkeit aber durchaus zuträglich wäre. Rasieren jedoch lehnt er grundsätzlich ab und Duschen wird seiner Meinung nach weit überschätzt, solange an anderen Orten der Welt Kinder verdursten.

Eine halbe Stunde später hat er seine drei Blogseiten auf Hackerangriffe hin gecheckt und für gut befunden, nur an seinem ‚Kulturadio‘-Artikel muss dringend eine Änderung vorgenommen werden, liest Franz Xaver Korinth doch nächste Woche im Platanenhaus nicht aus seiner Prosasammlung „Massenkampf“ sondern aus seinem Gedichtband „Schweren Herzens“. Es ist kurz vor zehn, als Buckelmann damit fertig ist und schnell noch unter seinen Pseudonymen „Karlchen“, „Kostverächter“ und „kasimir“ drei Kommentare im Blog veröffentlicht, weil sonst kein anderer kommentiert hatte. Sieht ja für Außenstehende so aus, als wenn sich niemand für seine Artikel interessiert hätte und soviel Imagepflege ist Buckelmann schließlich dem Steuerzahler schuldig, der ihn mitfinanziert.

JEZT - Jena Schillerpassage 6 Uhr frueh - Foto © MediaPool Jena 2000

Ach du Scheiße, denkt Buckelmann, als ihm einfällt, dass er bis heute einen Brief seiner Wohnungsgesellschaft zu beantworten hat, ob er mit der neuen monatlichen Müllpauschale einverstanden ist oder mit der bisher gültigen individuellen Regelung. Diese Schweine, denkt er sich, erhöhen einfach so mir nichts, dir nichts die Müllnebenkosten um 8 % und versuchen, das den Mietern einfach so unterzujubeln, indem sie ganz harmlos fragen, ob man die alte Regelung beibehalten möchte – antwortet man nicht, dann gilt die neue. „Mit mir nicht“, ruft Buckelmann so laut in seine 2raumwohnung, dass auf dem Balkon eine Meise entsetzt die Flucht ergreift: es sind seine ersten drei gesprochenen Worte des Tages und gleichsam sein Lebensmotto. Wütend schreibt er den Antwortbrief an die städtische Miet- und Wohn-Gesellschaft und zwar einen, der sich gewaschen hat, wobei er offen lässt, ob er mit der Müllpauschale einverstanden ist oder nicht. Hä,hä, grinst er stolz, rechts antäuschen und links überholen.

Um elf Uhr fünfunddreißig ist der Brief fertig, ausgedruckt und in einen Umschlag eingetütet. Buckelmann sucht die Briefmarken. Vor kurzem noch hatte er sie in seinem Haufen mit den wichtigen Papieren gesehen, jetzt sind sie nicht mehr da. Er schaut vorsichtshalber in seinem Schuhkarton mit den ganz wichtigen Dingen nach, den er seit gefühlten dreieinhalb Wochen nicht mehr geöffnet hat, findet sie aber schließlich in der schmalen Küchenschublade zwischen Schraubenziehern, Dübeln, Tesafilm, Gartensamen, Thomapyrin-Tabletten und Klettband. Mit einer Briefmarke für einen Euro zehn beklebt (andere hat er nicht finden können) legt er den Umschlag auf den Wandschrank und schaut dann auf den Wecker im kleinen Zimmer. Jetzt ist es schon kurz nach zwölf.

Das gibt’s doch nicht! Buckelmann, schüttelt den Kopf, ärgert sich über sein sonst untrügliches Zeitgefühl und daran, wieso die Zeit plötzlich verfliegt. Er hat einen Verdacht. Die Uhr könnte nachgehen, was bei einer Funkuhr nicht vorkommen darf, aber immer dann passiert, wenn die Batterieladungsspannung zur Neige geht. Buckelmann begibt sich mit schnellen Schritten zur Schlafcouch, nimmt den Wecker und wechselt die Batterie. Nun rasen die Zeiger um die Wette und stellen sich schnell auf die exakte Uhrzeit ein: zwölf Uhr acht.

[…diese Geschichte setzt sich fort…]

Eure Jane





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