„Wenn umfassende Information über den Zschäpe-Prozess etwas bewirkt, dann besteht Hoffnung!“ – Rainer Sauer koordiniert die Radio Jena-Serie „Inside NSU“

20.04.16 • JEZT AKTUELL, POLITIK & URBANES LEBEN, RADIO JENA, START, UNSER JENAKeine Kommentare zu „Wenn umfassende Information über den Zschäpe-Prozess etwas bewirkt, dann besteht Hoffnung!“ – Rainer Sauer koordiniert die Radio Jena-Serie „Inside NSU“

JEZT - Zeitungsartikel der OTZ vom 21.02.1998 - Abbildung © MediaPool Jena

Am Dienstagmorgen, den 08.11.2011 meldeten die „Lichtstadt News“ von Radio Jena: „Tote Bankräuber aus Eisenach und Mord an einer Polizistin in Heilbronn- Die Spuren führen auch nach Jena!“. Nur wenigen Stunden später wurde damals diese Nachricht ergänzt um die Eilmeldung: „Bundesweit gesuchte Beate Z. stellt sich der Polizei in Jena!“ Bei den toten Bankräubern im ausgebrannten Wohnmobil handelte es sich um zwei Jenaer Neonazis, die gemeinsam mit Beate Zschäpe Anfang 1998 untergetaucht waren, nachdem in Jena eine Bombenwerkstatt ausgehoben worden war. Alle drei gehörten der Neonazi-„Kameradschaft Jena“ und dem rechtsextremen „Thüringer Heimatbund“ an.

Ihm sei sofort klar gewesen, dass dies für Jena „ein großes Thema“ werden würde, berichtet Rainer Sauer, der seit 1991 in der Saalestadt lebt. Ein Thema, an dem man als lokales Hörfunkprogramm „dranbleiben“ müsse, vor allem, da man über den Rechtsextremismus in Jena und vor allem die häufigen Aktionen der Bevölkerung hiergegen im Radio immer wieder berichtet hatte. „Anfangs stand die Vermittlung der Neuigkeiten im Vordergrund unserer Berichterstattung, aber schon nach wenigen Tagen war klar, welche Dimension die Angelegenheit angenommen hatte. Eine Dimension, wie weit über Banküberfälle und Brandstiftung hinausging“, macht der Programmkoordinator von Radio Jena deutlich. In Fakten heißt dies: 11.11.2011 „Polizei findet Tatwaffe im Fall der ‚Döner-Morde‘ – Terrorismusverdacht!“, 12.11.2011 „NSU: Ein Name geht durch die Gesellschaft als Synonym für rechtsnationale Gewalt – Wie groß ist der Imageschaden für die Lichtstadt?“, 13.11.2011 „Terroristen fotografierten ihre toten Opfer und planten weitere Anschläge“, 14.11.2011 „Terror ohne Bremsspur: Wie es zur Bildung des NSU aus der ‚Kameradschaft Jena‘ kam und was das ‚Braune Haus‘ damit zu tun hat“.

JEZT - Ausschnitt aus einen NSU Video - Bildquelle © Spiegel TV

„Daran sieht man, wie wir schon damals umfassend berichteten und dass bereits zehn Tage nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt im Grunde alle wesentlichen Fakten der Angelegenheit klar schienen. Wie sich später herausstellte, war genau das die Zeit, in der bei verschiedenen Verfassungsschutzbehörden die Schredder eingeschaltet wurden“, betont Sauer. Ohne dies zu wissen, startete Radio Jena am 16.11.2011 in den „Lichtstadt News“ eine kleine Serie mit dem Titel „Die V-Affäre“ und man konnte bereits am 17.11.2011 – aus Pressemeldungen zusammengestellt – eine nahezu komplette Liste der „NSU“-Taten präsentieren. „Uns war damals bereits klar, dass man ganz offensichtlich viel zu lange und viel zu blauäugig auf den Verfassungsschutz und seine ehrlichen Absichten vertraut hatte. Dies stellte nun als eine offensichtliche Fehleinschätzung dar.“

Umso wichtiger habe man es empfunden, als Rundfunkmedium eine umfassende Berichterstattung zum Themenkomplex „Nationalsozialistischen Untergrund“ zu starten, für die sich der Titel „Inside NSU“ als passend herausstellte, so Rainer Sauer, der inzwischen auf politischer Ebene Vorsitzender des Landesfachausschusses Innen und Justiz der FDP Thüringen ist. „Das weckte das Interesse der SPIEGEL-Redakteurin Julia Jüttner, die mich kontaktierte und nachfragte, ob wir besondere Informationen zu Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und anderen Personen aus Jena hätten. Ich musste zwar verneinen, brachte sie aber in Kontakt mit OTZ-Redakteur Frank Döbert, von dem ich wusste, dass er umfassende Wort- und Bildunterlagen über die Jenaer Neonazi-Szene der späten 1990er-Jahre hatte. Und einiges, was der SPIEGEL später über die Hintergründe des Trios brachte, basiert auf Döberts Recherchen und Informationen“, berichtet Sauer.

JEZT - INSIDE NSU - Teaser

„Inside NSU“ von Radio Jena fand auch das Interesse des deutschen Politikwissenschaftlers und Rechtsextremismus-Experten Prof. Dr. Hajo Funke, der die komplette Serie auf seine Webseite übernahm. Mit Beginn des Münchner Prozesses gegen Beate Zschäpe und verschiedene Helfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ startete sozusagen die Version 2.0 von „Inside NSU“ mit einer kompletten Berichterstattung der einzelnen Verhandlungstage im Prozess. „Das ist schon eine harte Arbeit, die wichtigsten Informationen zusammen zu stellen. Wir machen dies als kleine, ehrenamtlich arbeitende Redaktion aus Presseveröffentlichungsn, Mitteilungen von Opferanwälten oder durch die direkte Berichterstattung von Prozessbeobachtern“, sagt Sauer, der auch auf die, im „NSU“-Prozess offiziell akkreditierten, „Radio Lotte“-Vertreter aus Weimar verweist.

Es gelte zu verhindern, dass Beate Zschäpe und die beiden aus Jena stammenden „NSU“-Mörder zukünftig in der rechten Szene als Vorbilder angesehen oder verehrt würden, umreißt Sauer den Anspruch seiner Mitarbeiter. „Wenn umfassende Information über den Zschäpe-Prozess etwas bewirkt, dann besteht Hoffnung“, sagt er und fügt an: „Es gibt in jedem Leben eine Zeit in der die Vergangenheit verschwindet und sich die Zukunft auftut. Einige fürchten sich dann von dem Unbekannten und wenden sich dem zu, was sie kennen. Andere gehen geradeaus in die Ungewissheit. Ich kann nicht sagen, was der richtige Weg ist, aber ich kann sagen welcher Weg mehr Erfolg verspricht“, versichert der Radiomann.

Hinweis: Rainer Sauer ist am Donnerstag, den 21.04.2016, um 18 Uhr Podiemsteilnehmer bei der Veranstaltung „BEATE ZSCHÄPE – der Jahrhundertprozess“ des ELSA Jena e.V. im Hörsaal 4 der FSU in der Carl-Zeiß-Straße 3, 07743 Jena. Weitere Informationen zur Veranstaltung findet man HIER.





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