„Schlagwort der politischen Kommunikation im 20. Jahrhundert“: FSU-Historiker erforschen die Geschichte der Menschenrechte

15.07.16 • INFOS FÜR STUDIERENDE, KULTUR & BILDUNG, START, UNSER JENA, WISSENSCHAFT, MEDIZIN & TECHNIKKeine Kommentare zu „Schlagwort der politischen Kommunikation im 20. Jahrhundert“: FSU-Historiker erforschen die Geschichte der Menschenrechte

JEZT - Büste von Friedrich Schiller vor dem alten Universitätsgebaeude in Jena - Foto © MediaPool Jena

Uni Hochschul KachelIm September 1973 schrieben sowjetische Dissidenten einen Brief an Amnesty International. Die „Gruppe 73“ um Andrei Twerdochlebow und Wladimir Archangelski bestand überwiegend aus Naturwissenschaftlern und setzte sich u. a. für den Schriftsteller Alexander Solschenizyn und den Physiker Andrei Sacharow ein. Bei Amnesty International löste der Brief eine veritable Krise aus: Einerseits wäre eine Amnesty-Filiale in Moskau ein unerhörtes politisches Signal im Kalten Krieg gewesen, andererseits wären die mühevoll aufgebauten Kontakte zu sowjetischen Stellen wohl mit einem Schlage zerstört worden. Schließlich erhielten die sowjetischen Dissidenten den Status einer lokalen Gruppe von Amnesty.

„Wir möchten erklären, wie die Menschenrechte zu einem Schlagwort der politischen Kommunikation im 20. Jahrhundert wurden“, sagt Dr. Daniel Stahl von der Universität Jena. Der Historiker ist Wissenschaftlicher Sekretär des Arbeitskreises „Menschenrechte im 20. Jahrhundert“, der auf Initiative der Fritz-Thyssen-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Geleitet wird der Arbeitskreis von Prof. Dr. Norbert Frei von der Universität Jena.

Dem Arbeitskreis gehören außerdem renommierte Historikerinnen und Historiker aus Deutschland und Israel sowie Rechts- und Politikwissenschaftler an, die sich vorrangig mit Völkerrecht und Konflikt- und Friedensforschung befassen. Darunter sind Prof. Dr. Dan Diner von der Hebrew University of Jerusalem, Prof. Dr. Raphael Gross, der das Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig leitet, und Dr. Miriam Rürup, die Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Dem Arbeitskreis gehören zudem der Völkerrechtler Prof. Dr. Claus Kreß von der Universität Köln an sowie die Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Konfliktforschung an der Universität Marburg, Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel.

JEZT - Banner mit der verschiedensprachigen Aufschrift - Willkommen an der Universitaet Jena - Foto © FSU Kasper

Um den Aufstieg der Menschenrechte im 20. Jahrhundert zu erforschen, sollen u. a. die Quellen neu betrachtet werden, erläutert Daniel Stahl. Als Grundlage neuer Bewertungen werden die Schlüsseltexte der Menschenrechtsgeschichte historisierend kommentiert auf einer Homepage veröffentlicht, die jüngst freigeschaltet wurde. Unter www.geschichte-menschenrechte.de finden sich etwa die Einleitung zum Bericht der chilenischen Wahrheitskommission, die die Verbrechen der Pinochet-Junta aufklären half, ein Beitrag über das Weißbuch Menschenrechte in China sowie der Beitrag über den Brief sowjetischer Menschenrechtler an Amnesty.

Gezielt geht der Blick der Wissenschaftler auch über Europa hinaus. Im Fokus stehen u. a. Aktivitäten von Menschenrechtlern und Nichtregierungsorganisationen in Afrika und Südamerika oder Osteuropa. Dabei rücken Ereignisse und Initiativen ins Blickfeld, die sich abseits der „großen Politik“ abgespielt haben. So etwa die Entschließung deutscher Völkerrechtler, die 1947 auf die Einhaltung der Menschenrechte drängte. Hintergrund war die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten sowie die Internierungspraxis deutscher Kriegsgefangener. Interessant sei die Rezeptionsgeschichte solcher Dokumente, sagt Dr. Stahl.

Noch befindet sich die Website des Arbeitskreises in ihren Anfängen, sie soll allmählich wachsen. Dabei folgen die Texte einem Muster: Sie gliedern sich nach Entstehungsgeschichte, Inhalt, Wirkungsgeschichte und Literaturangaben. Ein weiterer Schwerpunkt sind lebensgeschichtliche Interviews mit Personen, die die Menschenrechtspolitik des 20. Jahrhundert mitgestaltet haben. Vertreten sind u. a. Ulrike Poppe vom Arbeitskreis „Frieden und Menschenrechte“, der FDP-Politiker Gerhart Baum sowie Benjamin Ferencz, der letzte lebende Chefankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

Der Arbeitskreis „Menschenrechte im 20. Jahrhundert“ trifft sich zwei Mal jährlich im Haus der Fritz-Thyssen-Stiftung in Köln. Eingeladen werden dazu u. a. die Stipendiaten des Arbeitskreises: Aktuell gibt es vier Stipendiaten, die sich mit den Themen Asyl, Amnesty International in Polen, der Roma-Bewegung und der Menschenrechts-Kommission der UN befassen. Stipendien werden gezielt an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergeben, deren Arbeiten sich historisierend mit Menschenrechten befassen.





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