Tim Schwarz beschreibt „Beate Zschäpe: Wie sie wurde, was sie heute ist“ (Teil 2)

29.07.17 • INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENAKeine Kommentare zu Tim Schwarz beschreibt „Beate Zschäpe: Wie sie wurde, was sie heute ist“ (Teil 2)

Die vielen Gesichter der Beate Z – Grafik © Ulli Hartmann

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Die Anklage gegen Beate Zschäpe führt aus, dass Zentrale des „NSU“ stets die gemeinsame Wohnung gewesen sei. Zuerst eher improvisiert, später nach außen wie eine Festung komplett mit Kameras überwacht, im Innern versehen mit Waffen, Papieren, Beute, Archiv und der gesamten Logistik.

Hinzu kommt, dass das recht überschaubare Kern-„Personal“ des „NSU“ – sprich: drei Personen – eine klare Aufgabenteilung und -zuweisung („im Sinne der gemeinsamen Sache“, wie es die Bundesanwaltschaft formulierte) hatte: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren die Organisatoren und Macher bei den Anschlägen und dem Besorgen von Geld, Sprengstoff und Waffen, wobei Mundlos Wohnmobile und andere Fahrzeuge angemietet habe und Böhnhardt Sprengsätze baute. Zschäpe habe sich unter dem Nachnamen Dienelt als Schwester des jeweiligen Wohnungsanmieters ausgegeben, sich als Hausfrau des Trios um das tägliche Leben bis hin zum Kauf von Sim-Karten und Mobiltelefonen gekümmert und die Haushaltskasse verwaltet. Sie bezahlte die Wohnungsmieten, die jährlichen Sommerurlaube an der Ostsee, knüpfte und pflegte dort neue Kontakte um so das Außenbild des Trios zu wahren.

Ihre Vita im Untergrund (I): Vom Geldverwalten kann 1998 und 1999 noch keine Rede sein. Blood and Honour-Freunde und -Bekannte verstecken Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in ihren Wohnungen, doch das Trio leidet im Untergrund vor allem unter Geldsorgen. Spärliche Spenden, gesammelt in der nationalistischen Szene „für die untergetauchten Kameraden“ reichen nicht aus. Mundlos und Böhnhardt fordern bei Wohlleben eine Waffe und ein Motorrad an, damit man sich durch Überfälle Geld besorgen kann. Auf das Motorrad wartet das Trio vergebens, die Waffe wird geliefert: eine Ceska 83. Im Münchner Prozess sagt Zschäpe später aus, von den angeklagten Taten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ – zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 14 Überfälle – immer erst im Nachhinein erfahren zu haben. Einzige Ausnahme dabei: Beate Zschäpe gestand im „NSU“-Prozess, vorab Kenntnis vom ersten Überfall auf eine Postfiliale in Chemnitz am 6. Oktober 1999 gehabt zu haben, aber sie sei weder an der Vorbereitung noch der Durchführung der Tat beteiligt gewesen. Ebenso wenig wie am Überfall auf einen EDEKA Markt am 18. Dezember 1998 in Chemnitz oder den auf eine weitere Postfiliale in Chemnitz im Oktober 1999: Bei allen drei Raubzügen erbeuteten Böhnhardt und Mundlos mehrere 10.000 D-Mark.

Dieses Geld bekam Beate Zschäpe von den beiden zur Verwaltung überlassen, zahlte davon u.a. bis Mai 2001 die Lebensmittel und die Mieten für mehrere Untergrundwohnungen, darunter einer Wohnung in der Heisenbergstraße 6 in Zwickau, in der das Trio zwischen Juli 2000 und Frühjahr 2001 lebte. Letztere Wohnung war im „NSU“-Prozess auch Gegenstand der Frage, was Beate Zschäpe vom Bau der Rohrbombe mitbekam, bei deren Explosion Anfang 2001 als Anschlag auf ein von Migranten geführtes Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse ein Mensch schwer verletzt wurde. Ihre Antwort sinngemäß: „Nichts.“

Als Hauptangeklagte im „NSU“-Prozess wird ihr vor allem zur Last gelegt, als Mittäterin für die Ermordung von zehn Menschen verantwortlich zu sein. Dieser erste Mord geschah bereits drei Monte vor der Explosion in Köln: In Nürnberg wurde am 9. September 2000 der Blumenhändler Enver Şimşek erschossen. Auch hier muss die Wohnung in der Zwickauer Heisenbergstraße ihre Rolle gespielt haben. Doch Beate Zschäpe ließ über ihren Anwalt erklären, von diesem ersten Mord des „NSU“ vorab keine Kenntnis gehabt zu haben. Sie habe davon erst Mitte Dezember 2000 erfahren und sei „schockiert“ gewesen – bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht, so die Jenaerin. Zschäpe erklärte weiter, sie habe Mundlos und Böhnhardt gesagt, dass sie sich im Dezember 2000 „umgehend der Polizei stellen wolle“, worauf ihre beiden Freunde mit Selbstmord gedroht hätten. Aus Angst, Uwe Böhnhardt zu verlieren, habe sie dann nichts weiter unternommen, so Zschäpe. Auch von den Morden des Jahres 2001 an Abdurrahim Özüdogru (in Nürnberg), Süleyman Tasköprü (in Hamburg) und Habil Kilic (in München) habe sie nichts vorab gewusst, sagte Beate Zschäpe aus und behielt ihre Linie bei: als sie davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen, hätte aber aus Furcht, Böhnhardt zu verlieren, nichts weiter unternommen.

Dies jedoch glaubt ihr die Bundesanwaltschaft nicht, sagt, Zschäpe habe im Dezember 2000 und auch später die Chance ausgelassen, Menschenleben zu retten, habe sich im Untergrund dagegen zu einer (Zitat von Bundesanwältin Greger) „Meisterin im Verschleiern“ entwickelt. Während Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Öffentlichkeit eher gemieden hätten, hätte sich Beate Zschäpe nach dem Zwickauer Umzug von der Heisenbergstraße in die Polenzstraße geradezu in Nachbarschaftskontakte gestürzt, die Abwesenheit der Männer immer wieder zu Besuchen und kleinen Feten genutzt, Nachbarn unterstützt und auch mal Geld spendiert.

Die „meisterhafte Verschleierung“ habe sich auch darin gezeigt, dass Mundlos in den fast 13 Jahren im Untergrund durchweg den Alias-Namen „Max-Florian“ nutzte, während Böhnhardt überwiegend als „Gerry“ unter dem Namen des inzwischen in Hannover lebenden (in München aber mitangeklagten) ehemaligen Kameraden Holger Gerlach auftrat. Zschäpe jedoch, so die Bundesanwältin im Plädoyer, jonglierte geschickt zwischen Tierarzt, Optiker, den Hausverwaltungen und ihren Nachbarn mit ihren insgesamt elf erfundenen Personalien.

Fortsetzung folgt in Teil 3!





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