„Le cascadeur de la vérité“: Wie ein parteiloser OB-Kandidat an sich selbst scheitert (3/3)

15.04.18 • JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENAKeine Kommentare zu „Le cascadeur de la vérité“: Wie ein parteiloser OB-Kandidat an sich selbst scheitert (3/3)


[LESEN SIE HIER TEIL 1 UND DORT TEIL 2 DES ARTIKELS] – Der parteilose OB-Kandidat Arne Petrich wird jetzt nicht gerne hören, was mir der Jenaer Psychotherapeut Dr. Eberhard Vöhl Anfang der 2000er-Jahre im Radio Jena Gespräch verriet: „Menschen, die sich selbst bewundern und für besser halten, als den Rest der Gesellschaft, haben leider oft kein Schuldbewusstsein und werden daher Fehler nicht eingestehen, geschweige denn, sich entschuldigen.“

Ich werde jetzt nicht noch einmal im Einzelnen auf den Rechtsstreit zur Urheberrechtsverletzung des OB-Kandidaten eingehen („Wer bei SoundCloud Sound klaut…“), darf aber sagen, dass sich Arne Petrich bewusst sein muss, dass er sich auf sehr dünnem Eis bewegt, sofern er in seiner Gegendarstellung, die wir demnächst veröffentlichen werden, behaupten sollte, er habe eigene Aufnahmen online gestellt. Dies wäre gelogen, lässt sich von unserer Seite aus eindeutig belegen und dazu wird es in den nächsten Wochen bei JenaLeaks einiges nachzulesen bzw. nachzuhören geben.

Doch zurück zum Wesentlichen: Bezüglich OB-Kandidaten gibt es ja Erwartungen der Bürger (die zuvor schon tiefer erklärt wurden* und die u.a. auf einer Studie der Ruhr-Uni-Bochum basieren) und zudem haben sich fünf gewichtige Grundsätze für Bewerber um das höchste Bürgeramt als richtig und wichtig erwiesen:

1.) Anerkennung der Menschen will erworben und verteidigt werden,
2.) auch Führungsqualitäten muss man sich erarbeiten, kann sie weder simulieren noch fingieren
3.) Präsenz in der Öffentlichkeit – das „gesehen und erkannt werden“ – ist unersetzlich
4.) ohne ausreichende finanzielle Mittel lässt sich kein Wahlkampf führen
5.) „Liebe Deinen Wähler!“

Bei vielen dieser Grundsätzen hat Arne Petrich versagt und nimmt dadurch die Verursacher- und nicht die Opferrolle inne. Sein Scheitern am heutigen Sonntag ist keiner Verschwörung gegen ihn geschuldet sondern seinem eigenen Verschulden. Gut, für eventuellen Geldmangel im Wahlkampf kann man keinem Kandidaten irgend eine Schuld geben. Aber selbst die „kleinen“ Mitkonkurrenten Petrichs, Sandro Dreßler und Dr. Heidrun Jänchen, haben mehr in ihren Wahlkampf investiert, als der 50-jährige Immobilien-Unternehmer, wobei Jänchens Piraten-Wahlkampfpage sogar um Längen übersichtlicher und interessanter gestaltet war/ist als die des parteilosen Kandidaten. Was aber den 3. Grundsatz „Präsenz in der Öffentlichkeit“ betrifft, muss man Petrich genau zuhören. Bei JenaTV redete er davon, dass er im Wahlkampf viele Gespräche mit Bürgern geführt habe, zitierte später aber aus Facebook-Nachrichten.

Themenbild Mr. Jenapolis – Foto © MediaPool Jena

Früher waren kommunale Wahlkämpfer gezwungen, den Menschen in Gaststättenräumen und Vereinsheimen etwas zu bieten. Vor allem: Sie mussten direkt mit ihnen in Kontakt treten. Heute haben sie auch andere Optionen und Möglichkeiten, darunter das Internet. Der ursprüngliche Plan des parteilosen OB-Kandidaten war wohl, die Popularität des von ihm vor zehn Jahren gegründeten Internetblogs Jenapolis hierfür zu nutzen („Das Internet gibt uns endlich den Raum dafür sich kennenzulernen, um dann auf der Straße die Gespräche von Mensch zu Mensch fortsetzen zu können!“). Fatal nur, dass Petrichs Blog seit einiger Zeit immer weniger Menschen zu begeistern scheint. Die Gründe für den frappierenden Schwund an Leserinnen und Lesern nach einem starkem Jenapolis-Beginn 2008 bis 2013 sind:

1.) Arne Petrich ist Blogger und kein gelernter Journalist, besitzt den Presseausweis eines Berufsverbandes von Fotografen, und Tobias Netzbandt, Petrichs Ersatz als Jenapolis-Chef, pflegt journalistisch die Aura des Dunklen, verbreitet vorgetäuschte Nachrichten und agiert privat immer wieder als  Manipulator oder Desinformator.

2.) Der OB-Kandidat veränderte Jenapolis über die letzten Jahre immer wieder willkürlich und für die Stammleser nur schwer durchschaubar. Das führte zu Frust und schließlich der Abkehr vom regelmäßigen Jenapolis-Konsum. Zudem versuchte Arne Petrich trotz erheblichem Fleiß und Arbeitsaufwand letztlich erfolglos, das „Konzept Jenapolis“ in ganz Ostdeutschland zu etablieren.

3.) Zwischen 2014 und 2017 löschte das Duo Netzbandt / Petrich tausende Artikel und Leserkommentare ohne weitere Erklärung für die Nutzer. Dafür vermeldete der OB-Kandidat einen plötzlichen Anstieg der monatlichen Jenapolis-Leserzahlen auf „eine Million nachgewiesener Klicks“. – Vielen Lesern erschloss sich nicht, wie das zusammenpassen kann.

Durch die Tatsache, dass Jenapolis nur noch wenig bewegen kann und somit auch der reine Internetwahlkampf des freien Kandidaten den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt weitestgehend verborgen blieb, bewegt sich Arne Petrich am Wahltag sozusagen im Niemandsland der Wählermotivation. Hinzu kommen seine unterschiedlichen und immer wieder Änderungen beinhaltenden Wahlprogramme** und auch sein später Wahlkampf-Flyer kam textlich nicht ganz fehlerfrei daher – überhaupt werden die deutsche Grammatik und Arne Petrich wohl keine Freunde mehr, pflegt er doch seinen ganz eigenen Schreibstil („Ich möchte die verstummte Stimme ALLER Bürger Jena’s wieder erklingen lassen. – [sic!])

Zusammen mit den anderen Mängeln, auf die ich bereits früher einging (– keine kommunal- und verwaltungspolitische Erfahrung, – geringe Glaubwürdigkeit, – unbeherrschtes Auftretem und keine Einsicht bei eigenen Fehlern) vor allem aber der seit Jahren praktizierten Petrich-Verfahrensweise, Dinge, die schieflaufen einfach zu verschweigen, Artikel zu löschen, missliebige Kommentare zu tilgen („Das Internet ist nicht demokratisch.“) und so zu tun, als sei überhaupt nichts vorgefallen, ist für mich das Wahlergebnis für den freien OB-Kandidaten bereits vor Schließung der Wahllokale klar.

Arne Petrich – Bildrechte: OB Kandidat Arne Petrich

Fünf Jahre ist es her, da schrieb Arne Petrich „…ich kann Ihnen versichern, dass das Thema ein persönlicher Krieg des Herrn Sauer gegenüber Jenapolis darstellt…“ Gemeint waren ersten Artikel über fehlerhafte Berichterstattungen bei Jenapolis und die Löschung der Kommentare von Jenapolis-Lesern, die dies bemängelten***. Doch – und ich sage dies nochmals gerne – das, was Oberbürgermeister-Bewerber Petrich damals als „Krieg“ bezeichnete, hat und allein mit der Einforderung von Korrektheit und Transparenz zu tun. Und das Beispiel mit den Gegendarstellungen zeigt auch hier und heute noch: Dinge, die Petrich von anderen – auch schon mal über seinen Rechtsanwalt – einfordert, ist er selbst nicht bereit zu erfüllen.

Erstaunlich scheint mir nur, dass „Le cascadeur de la vérité“ / „Der Trickvorführer der Wahrheit“ letztlich auch daran scheitert, dass er es trotz der Bekanntheit von Jenapolis nicht schaffen konnte, seine Ideen „unters Volk“ zu bringen. Und zwar obwohl in der heutigen Zeit Vorwürfe und massive Kritik an der Obrigkeit sowie alternative Fakten über die sozialen Netzwerke schnell ihr passendes „Volk“ Publikum finden. In einem hatte Mr. Jenapolis aber recht: „Es wird definitiv schmerzvoll werden.“

In diesem Sinne

Ihr Rainer Sauer

Nachtrag vom 16.04.2018: Lesen sie zum Thema auch DIESEN Kommentar von Thorsten Büker.

 


* = 1.) Führungsqualitäten, 2.) Glaubwürdigkeit, 3.) persönliches Auftreten, 4.) Sachkenntnis, 5.) Transparenz, 6.) Umgang mit den Bürgern sowie 7.) die Bereitschaft, in wichtigen Fragen Konsens mit den im Stadtrat vertretenen Parteien zu erzielen

** = Kurt Tucholsky schrieb schon 1930 in der „Weltbühne“: „An Einjang hattn se lauter Projamms zu liejn … da konnt sich jeder eins aussuchen. (…) »Bütte sehr«, sacht det Frollein, wat da stand, »da nehm Sie unsa Projramm Numma siemundfürrssich – da is det allens drin. Wenn et Sie nicht jefällt«, sacht se, »denn kenn Siet ja umtauschn. Wir sind jahnich so!« Diß is eine kulante Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Falls et sie bei der Wahl noch jibbt.“

*** = schriftliche Erklärung von Tobias Netzbandt: „Es ist das Hausrecht eines jeden Redakteurs der Plattform, jederzeit Kommentare zu löschen oder nicht zu veröffentlichen.“





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