Abwasserkanäle: Kleine Ursache, aber Riesenwirkung – Bei Feuchttüchern und Farbresten hört der „Spaß“ auf

01.09.19 • INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENAKommentare deaktiviert für Abwasserkanäle: Kleine Ursache, aber Riesenwirkung – Bei Feuchttüchern und Farbresten hört der „Spaß“ auf

Kanalbefahrung (Kamerabild 2) – Symbolfoto © MediaPool Jena

(red) – „Puh, es stinkt“, denkt mancher Bürger, wenn er das Fenster öffnet oder über die Straße geht. Die Ursache ist schnell ausgemacht: Der Kanal. Doch, wieso wird er nicht gereinigt und was mieft da denn so? Zuallererst: Der Geruch kommt in der Regel kaum von Fäkalien im Abwasser, denn eine wesentliche Ursache dafür sind überwiegend Fette. Bei deren Abbauprozessen im Abwasserkanal entstehen Aromastoffe, die Menschen als höchst unangenehm empfinden. Bakterien zersetzen Fett, das sich im Kanal angesammelt und verklumpt hat. Es Fettklumpen vor sich hin „stoffwechseln“, sammeln sich an dieser Stelle Gase, deren Gestank durch Gullis entweichen und richtig eklig müffeln können.

Fette werden deshalb zu – im wahrsten Sinne des Wortes – „Übel“-Tätern, da sie für Bakterien eine höchst energiereiche Nahrung sind. Man könnte im übertragenen Sinn fast denken, dass das Kanalisationssystem für Bakterien das reinste Schlaraffenland darstellt. Auch deshalb, weil das Klima im Abwasserkanal grundsätzlich warm ist: vom Baden, Duschen, Geschirrspülen und Wäschewaschen. Und im warmen Umgebungen vermehren sich Bakterien wie verrückt. Das ist auch der Grund, weshalb die Kanalisation von Ratten bevölkert wird, den auch die haben es warm und durch die vielen Speisereste, die von Menschen „durchs Klo gespült“ werden, gibt es dort immer etwas zu essen.

Und nochwas: Zusammen mit den Essensresten in Verbindung mit Fettresten aus Pfannen und Fritteusen, die im Abwasser nichts zu suchen haben, gehören auch Hygieneartikel, und zwar solche, die über das gute alte Toilettenpapier aus schnell abbaubarem Zellstoff hinausgehen, nicht in den Abfluss. Hier sind es vor allem Wattestäbchen aus Kunststoff und Feuchttücher, die Pumpwerke allzuoft vor nahezu unlösbare Probleme stellen. Es gibt inzwischen feuchtes Toilettenpapier, das so stabil ist, dass man es nicht zerrissen bekommt. Solche Tücher verstopfendie Abwasserpumpen, was heutzutage immer öfter vorkommt.

Noch schlimmer ist jedoch die sogenannten „Verklebung“. Hier beginnen Hygieneartikel, zusammengeklebt durch erkaltendes Fett, sich miteinander zu einen mehrere Meter langen Strang zu verbinden, der, wenn er die Pumpe erreicht, zu einer Riesensauerei führt, denn Mitarbeiter der Stadtwerke müssen aufwendig mit dem Spülgerät mittels Handarbeit die Verstopfung lösen. Von dieser „Drecksarbeit“ bekommt aber kaum jemand etwas mit, der oben in der Wohnung gerade wieder seine Toilette zweckentfremdend befüllt. – Aber wer macht den sowas, werden sie sich fragen? Wer wirft denn Essen, Wattestäbchen, Feuchttücher ins Klo und spült das weg?

Kanalbefahrung (Kamerabild 1) – Symbolfoto © MediaPool Jena

Obwohl es fast alle bestreiten, sind trotzdem ganz viele Leute für solche Verschmutzungen der Kanäle verantwortlich. Deren Wattestäbchen zum Beispiel setzen sich an bestimmten Stellen in den Pumpen fest und wandern sogar, obwohl sie von den Sieben und Rechen festgehalten werden sollten, oft genug ins Klärwerk. Eingeleitete Fette wiederum bilden, wie schon beschrieben, gerne Klumpen. Ende 2017 war es, da machte der Fund eines mehr als 100 Tonnen schweren Fett-Klumpen-Monsters in der Londoner Kanalisation die Runde. So etwas sei in Jena kaum möglich, sagt und hofft der Wasser-/Abwasser-Zweckverband WAJ – vor allem, weil man sich bei uns ausreichend um die Anlagen kümmert und sie in regelmäßigen Abständen inspiziert. Aber die allgemeinen Probleme mit Fetten, die sind gleichwohl da.

Doch es gibt sogar noch Steigerungen zu Fett, Feuchttüchern und anderen Hyieneartikeln in den Kanälen. So habe man dort sogar schon Unterwäsche, Farbreste und andere chemische Reinigungsmittel, Altöl sowie Medikamente feststellen können, so heißt es. „Ab ins WC“, sagen sich wohl viele Menschen, wenn sie vor die Wahl zwischen einem Mülleimer, einer Deponie für Sondermüll oder ihrer guten alten Toilette gestellt werden. Oder sie denken sich „Wozu gibt’s schließlich Klärwerke?“ Das jedoch ist ein Irrglaube, denn Klärwerke sollen das Wasser säubern, bevor es Flüssen übergeben wird. Zu diesem Zweck kann man dort idealerweise organische Stoffe abbauen, also das, was naturgemäß über eine Toilette dem Kanal zugeführt weden soll. Aber in Bezug auf komplexe chemische Verbindungen funktioniert die Anlage kaum noch im vorgesehenen Sinne.

Trotz alledem: Grundsätzlichen haben die Männer und Frauen der Kanalreinigung kein Problem mit dem, was sie da im Untergrund machen. Es ist eine sinnvolle Tätigkeit, die gemacht werden muss, sagen sie, da sonst die Zivilgesellschaft unter Umständen große Probleme bekommt. Und wenn jeder mitmacht und die Abwasseranlagen nicht über Gebühr belastet, dann stinkt einem das Ganze am Ende auch nicht mehr so stark, wie bisher.

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