17 TAGE EUROPA: Montag 2002-07-29 | ALDI IST ÜBERALL

29.07.17 • INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, KULTUR & BILDUNG, STARTKeine Kommentare zu 17 TAGE EUROPA: Montag 2002-07-29 | ALDI IST ÜBERALL

Der fünfte Tag: Chalon-sur-Saône/Saint-Rémy

Losung am 29. Juli

„Aldi gehört einfach zu Deutschland dazu.“
(Roberto Zerquera Blanco in der BILD)

Der nächste schöne Sommertag. Blauer Himmel, kaum Wolken, flirrende Hitze. Genau wie vor 112 Jahren. Kurz vor der Abreise in den Süden nach Arles mache ich noch einmal Station an einer ur-deutschen Bastion europäischem Zusammenwachsens. Neugierig, ob die Albrecht-Brüder es auch den Franzosen zu verdanken haben, zu Europas Geldadel aufgestiegen zu sein und wie es die Grande Nation mit dem Lokalpatriotismus hält, wenn Billigpreise locken, betrete ich einen „Aldi Marche“ in Saint-Rémy.

Tatsächlich: schon von außen war zu bemerken, dass man im Begriff ist, einem Aldi-Supermarkt zu betreten. Die gleichen Klinkersteine, der gleiche Braun(!)-Ton der Türrahmen und Schaufenster, die gleichen Neonröhren wie in Wanne-Eickel, Jena, Bamberg und wahrscheinlich auch in Barcelona oder Lissabon. Schon beim Eintreten – ich rede jetzt hier nicht von meinem erstmaligen Betreten eines Aldi-Marktes, sondern von Betreten ohne Schamgefühl, ganz so als ob man wie ganz selbstverständlich einen Pornofilm anschaut und nicht vorgibt, dies nur aus wissenschaftlichem Interesse zu tun – also: Schon beim Eintreten fühlt sich der Käufer auf der sicheren Seite. Fast alles ist so wie er es gewohnt ist. Der Kaffee steht da, wo er immer steht. Wo sind die Unterschiede zum heimischen Aldi-Markt? Ah! Da hat jemand den Wein anders plaziert. Wenigstens ein Unterschied.

JEZT - 17 Tage Europa - Aldi Marche St. Remy France - Rainer Sauer

Aldi Marché, 66 Route De Lyon, 71100 Saint-Rémy 2002-07-29

Überhaupt gibt es hier in Saint-Rémy viel Wein, aber das ist ja auch kein Wunder, denn ich bin ja in einem Land, in dem sprichwörtlich Gott gut leben soll. Dafür vermisse ich verschiedene Wurstsorten im Kühlregal. Es gibt nur Schinken, Salami und Pasteten. Und doch bleibe ich versöhnlich, denn die Schokolade ist genau an der gleichen Stelle im gleichen Regal, in dem sie auch in Deutschland zu sein hat. Und tatsächlich, oben links sind die Schokoladenkekse „Duo“. Die haben auf ihrer Schokoladenseite allerdings den Eifelturm eingeprägt, nicht eine Burg wie in Germanien üblich. Auch der Löwenriegel mit Karamel ist exakt an dem Platz, wo er hingehört. Ja, wir Deutschen verstehen eben etwas von der Welt-Ordnung.

Im Regal gegenüber lernt man, dass Erdnüsse zwar auch in Frankreich wie Erdnüsse aussehen, dafür aber hier „Cacahuettes“ heißen. Und man sieht Oliven mit Paprikafüllung und … ich kann es kaum glauben … Oliven mit Anchauvi-Füllung. Was wieder einmal belegt, dass jeder Franzose an sich ein wahrer Gourmet ist. Ich stelle fest, dass es sogar ein paar Produkte von Frankreich aus in deutsche Regale geschafft haben, wie zum Beispiel der Frischkäse „Lys“, mit Kräutern, Walnüssen oder Pfefferinhalt. Die Schokolade jedoch – sie verzeihen mir bitte, dass ich dies gerade vergessen hatte, zu erwähnen – kommt nicht, wie in deutschen Landen aus Niebüll oder anderen grenznahen Bereichen. Um es präziser zu sagen: in Saint-Rémys Aldi an der Route 66 nach Lyon kommt die Schokolade aus der – richtig – Schweiz!

66 Route De Lyon 2002-07-30

Ich schaue mich um. Neben mir lädt eine offensichtlich allein erziehende Mutter mit ihrem drei- bis vierjährigen Sohn den Einkaufswagen kunstfertig so voll, dass sie später an der Kasse anderthalb Transportbänder braucht um alles wieder zum Bezahlen zu plazieren. Ihr Sohn beherrscht neben seinem üblichen Wortschatz vor allem das Wort „Mamam“, das er bis zu zwanzig Mal in der Minute aufsagen kann. Vor allem aus diesem Grund denke ich, dass sie allein erziehend war, denn ein Vater hätte es kaum mit diesem Energiebündel ausgehalten.

Der junge Mann turnt an den Regalen umher, wie einst Lord Greystoke im Dschungel Afrikas, benutzt die letzte Verkaufsmöglichkeit vor der Kasse als Reck, spielt Hütchen mit Waschmittelpackungen und gewinnt natürlich immer- Außerdem nimmt er „Mamam“ ein wenig von deren Arbeit ab und belud den Einkaufswagen schon wieder, bevor die überhaupt bezahlen durfte. „Mamam“ und die Kassiererin sind gnädig und lachen gemeinsam über den kleinen Franzosen. Dann holt „Mamam“ eine Kreditkarte aus dem Portemonnaie und zahlt damit. Ich muss es zugeben: Bei Aldi in Deutschland ist man da noch nicht soweit; es wird aber bald soweit kommen.

Denn die Aldipreise sind unschlagbar niedrig, auch in St. Remy. Selbst der benachbarte „Carrefour“-Markt kommt nicht annähernd an den Discounter ran und „Monoprix“ ist sowieso zu teuer. Ich habe inzwischen feststellen dürfen, dass „Monoprix“ ohnehin nichts ist, für den kostenbewussten Franzosen oder sein weibliches Pendant. Hier kaufen die Patrioten und Veteranen ein, die niemals dem Erzfeind (und dessen braunen Kacheln) zum nachträglichen Sieg verhelfen würden. Ganz im Gegenteil zu den allein erziehenden Müttern. Für die sind nämlich 15 Euro immer noch 15 Euro und für diese 15 Euro bekommen sie bei Aldi in Saint-Rémy eine ganze Menge. Vielleicht sogar einmal einen neuen Vater für den Sohn. Falls Aldi irgendwann einmal Männer an die Kasse lässt.

coucher du soleil à la Saône 2002-07-29

Erst am Abend ziehen vor meinem Zelt am Ufer der Saône Wolken auf, die der Sonnenuntergang in den Farben erstrahlen lässt, die ein niederländischer Maler und Zeichner, der heute genau vor 112 Jahren die irdische Bühne verließ, Tag und Nacht sah. Ich bin aber bis heute davon überzeugt, dass seine Kunst nicht das Produkt seiner Krankheit ist, sondern dass er sie trotz seiner Erkrankung des Geistes fertigte – einer Erkrankung, die ihm half, Dinge des Lebens ganz besonders zu sehen. Morgen fahre ich dort hin, wo er am Ende seines Lebens eine ganze Zeit lang arbeitete: in die Carmargue nach Arles.





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