„Die Wogen glätten“: Gemeinsamer Brief von Toni Schley und Martin Berger an die Jenaer Öffentlichkeit zum Projekt Fußballarena

27.09.17 • INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, POLITIK & URBANES LEBEN, SPORT, START, UNSER JENAKeine Kommentare zu „Die Wogen glätten“: Gemeinsamer Brief von Toni Schley und Martin Berger an die Jenaer Öffentlichkeit zum Projekt Fußballarena

Das Ernst-Abbe-Sportfeld nach dem Umbau zum Stadion – Visualisierung von Knick Design GbR © im Auftrag des FCC

Dies ist ein Offener Brief vom 27. September 2017zum Projekt Fußballarena von Toni Schley (FCC-Fanszene und Südkurven-Rat) und Martin Berger (Leiter Projektstab Fußballarena):

Wir beide schreiben diesen Brief, um gemeinsam unsere Hoffnung auf den Erhalt der Südkurve als Heimstatt der aktiven Fanszene im neuen Jenaer Stadion auszudrücken. Zwar mögen wir sehr verschiedene Charaktere sein, und wir spielen im Rahmen des Stadionprojekts ganz unterschiedliche Rollen: der eine für die Fanszene und den Südkurve-Rat, der andere als verantwortlicher Projektleiter. Gerade deshalb schätzen und respektieren wir uns gegenseitig für den großen persönlichen Einsatz im Stadionprojekt und für Offenheit, Ehrlichkeit und Konsequenz.

Beide sind wir überzeugt, dass ein Stadion auf seine Nutzer zugeschnitten sein muss. Dies gilt gleichermaßen für die Jenaer Familie, den Businessgast in einer Loge, die organisierten Heimfans und die der Gastmannschaft – keine Gruppe darf an den Rand gedrängt werden oder sich so fühlen. Für den Erfolg des Stadionprojekts und des FCC ist es also für uns beide hochgradig wünschenswert, dass die organisierten Heimfans in der Südkurve des neuen Stadions bleiben können, und mit voller Kraft, friedlich und fantasievoll den FCC unterstützen.

Nicht zu unterschätzen sind allerdings die Probleme, die dies für die Gewährleistung der Sicherheit aller Besuchergruppen auf ihrem Weg zum Spiel und zurück angesichts der Lage an der Saale und der im Stadionumfeld gegebenen Infrastruktur bedeutet. Organisierte Fans und Projektstab sind daher seit Anfang 2016 im Gespräch miteinander und mit den Sicherheitsbehörden, v.a. den Polizeibehörden. Ziel war und ist es, einen gemeinsamen Weg zu finden, um die neue Südkurve für die Heimfans zu nutzen, gleichzeitig die Sicherheitsanforderungen zu gewährleisten und somit die Zustimmung aller Beteiligten zu erhalten.

Dabei hat der städtische Projektstab stets deutlich gemacht, dass er die Kompetenz einer Sicherheitsbehörde weder fachlich noch von der Zuständigkeit her besitzt und daher die Abwägung verschiedener Varianten und Anforderungen nicht selbst vornehmen kann und wird. Der Projektstab und sein Leiter werden nur bauliche Lösungen umsetzen, für die die Zustimmung der Polizeibehörden vorliegt. Darin liegt ein Dissenzpunkt mit Teilen der kämpferischen Fanszene, aber es muss ehrlich und fair so ausgesprochen werden.

Foto © Stadt Jena Jens Hauspurg

Die organisierten Heimfans wiederum haben keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich sehr stark mit der Südkurve identifizieren. Verschiedene Aktivitäten fachlicher und öffentlicher Art, von Veranstaltungen und Konzepten, dem „Crowdfanding“-Projekt bis zu politischer Lobbyarbeit belegen dies eindrücklich. Sehr deutlich wurde dabei, dass alle Sicherheitsthemen im Gesamtkontext von Infrastruktur und dem kooperativen oder konflikthaften Handeln der Beteiligten betrachtet werden müssen. Wenn die Fanszene sich in eine konstruktive Zusammenarbeit einbringt und gemeinsam vereinbarte Regeln akzeptiert, können die von der Polizei befürchteten Ausschreitungen und Konflikte vermieden werden. Die organisierten Heimfans haben erklärt, dass sie dazu bereit sind, und eine entsprechende Selbstverpflichtung angeboten.

Auf dieser Basis konnte im März 2017 durch ein Mediationsverfahren, geleitet von Helmut Spahn, ein sehr ermutigendes Zwischenergebnis erzielt werden. Entscheidende Basis dafür war die von den Fans in Eigeninitiative mit großem Sachverstand und Engagement erarbeitete Selbstverpflichtung. Laut Zwischenergebnis der Mediation kann durch die Selbstverpflichtung im Rahmen der vorhandenen Infrastruktur die Südkurve auch im neuen Stadion für die Heimfans genutzt werden. Wenn die Selbstverpflichtungen nicht eingehalten werden sollten, sind die Fans zu einem Umzug in die Nordkurve bereit. Leider wurden durch die Polizeibehörden im Zuge der Konkretisierung der Mediationsvereinbarungen Forderungen zum Ausbau der Infrastruktur erhoben, die vorher explizit ausgeschlossen wurden. Die Stadt sieht sich weder heute noch mittelfristig in der Lage, die dafür erforderlichen Finanzmittel von mindestens 10 Mio. € aufzubringen. Darin sieht sie sich durch die Aussagen der Fanvertreter bestätigt, die geltend machen, dass aus ihrer Sicht die betreffenden Infrastrukturmaßnahmen nur geringe Sicherheitsverbesserungen mit sich bringen. Ja es stellt sich sogar die Frage, ob nicht bei einer Unterbringung der Heimfans in der Nordkurve die kritischen Infrastrukturen sogar mehr beansprucht werden, als wenn die Heimfans in der Südkurve bleiben.

Damit ist eine schwierige Situation entstanden, die weder die Stadt noch die Fanszene und schon gar nicht die beiden Autoren dieses Briefes gewollt haben. Das gesamte Stadionprojekt kann gefährdet sein, wenn es einen Umzug der Heimfans in die Nordkurve geben muss. Der Projektstab hat in aller Ehrlichkeit, Härte und Konsequenz auf diese Gefahr aufmerksam gemacht und verdeutlicht, dass er auf der jetzt bestehenden Grundlage nur genau das – Umzug in die Nordkurve – in den Ausschreibungsunterlagen verankern kann.

Fanszene und Projektstab sind damit zunächst in Konflikt geraten – wir sind uns aber beide sicher, dass wir an einem Strang ziehen müssen und haben in einer Aussprache einen gemeinsamen Weg gefunden. Es wäre falsch und hoch gefährlich, wenn wir uns als Gegner wahrnehmen oder uns diese Wahrnehmung aufdrängen lassen würden. In diesem Zusammenhang bitten wir auch alle Kommunal- und Landespolitiker, die die Südkurve unterstützen wollen, dass sie der Fanszene und dem Projektstab in ihren jeweiligen Handlungsfeldern helfen und und keine Konflikte schüren.

Aktion von „Südkurve bleibt“ – Symbolfoto © MediaPool Jena

Wir stimmen darin überein, dass es eine erneute, fachlich gut untersetzte und transparente Bewertung des Zwischenergebnisses der Mediation geben muss. Der Projektstab hat dafür bereits den DFB involviert und die Fanszene die erfahrenen Berater von companeer beauftragt – beides in gegenseitiger Absprache. Wir hoffen, dass sich die Polizeibehörden in Jena und im Thüringer Innenministerium offen und konstruktiv in den Prozess einbringen und eine erneute Bewertung und Abwägung vornehmen. Das Argument, dass Selbstverpflichtung und Kooperationsbereitschaft der Fans höher zu bewerten sind als Infrastruktur und polizeiliches Eingreifen, wiegt schwer.

Um es zu wiederholen: wir wünschen uns beide sehr, dass auf dieser Basis die Südkurve auch im neuen Stadion den FCC-Fans zur Verfügung steht. Wir werden daran arbeiten – zwar jeder in seiner Rolle und in den Grenzen seines Handlungsfeldes, aber ohne uns auseinander dividieren zu lassen.

gez. Toni Schey
im Namen der aktiven Fanszene des FC Carl Zeiss Jena

gez. Martin Berger
Leiter des Projektstabes Fußballarena





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