Krise bei Science City Jena: Björn Harmsen im Interview (Teil 2)

25.01.19 • JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, SPORT, START, UNSER JENAKommentare deaktiviert für Krise bei Science City Jena: Björn Harmsen im Interview (Teil 2)

Science City Coach Björn Harmsen. – Foto © Christoph Worsch

(Baskets Jena) – Es gab ganz sicher schon einfachere Phasen für die Basketball-Riesen von Science City Jena und Trainer Björn Harmsen. Nach einer sportlichen Durststrecke tabellarisch im Kampf um den Klassenerhalt angekommen, gab der 36-jährige Cheftrainer der Ostthüringer Einblicke in seine Gedanken, zog eine kurze Zwischenbilanz und hofft trotz der Talfahrt auf die gerade in dieser Phase wichtige Unterstützung durch die Jenaer Basketball-Familie. [Lesen Sie HIER Teil 1 des Interviews]

(…) Bekommst Du die Unterstützung abseits des Parketts mit?

Ich nehme den Support der Fans und Zuschauer ganz bewusst wahr. Im letzten Heimspiel gegen Gießen war es trotz unserer Talfahrt ziemlich laut in der Arena. Diese positive Art der Unterstützung rechne ich unserem Publikum hoch an und das ist sicher auch der erfolgversprechendste Weg, diese schwere Phase gemeinsam zu meistern. Insofern hoffe ich, dass die Zuschauer und Fans die Jungs auf dem Parkett auch weiterhin lautstark und leidenschaftlich anfeuern und den Spielern nicht irgendwann den Rücken zudrehen. Trotz aller Erfahrung lässt sich eben auch der routinierteste Spieler durch eine Niederlagenserie verunsichern. Wir reden hier ungeachtet des Alters ja schließlich über Menschen, nicht über Maschinen, die in den Spielen versuchen ihr Bestes zu geben und die über jeden positiven Input dankbar sind, speziell wenn es mal nicht so läuft wie erhofft. Deswegen wird es in den nächsten Wochen und Monaten darauf ankommen, das Wir-Gefühl zu verstärken. Die Mannschaft braucht den Rückhalt aus dem Publikum dringend, muss die Unterstützung spüren, gerade in dieser Phase.

Wie schwer ist aus heutiger Sicht noch der mentale Rucksack der beiden Niederlagen im Pokal-Viertelfinale gegen Bonn und in der Liga gegen Ludwigsburg?

Das sollte man voneinander getrennt betrachtet. Das Pokalaus gegen Bonn war auf keinen Fall so schmerzhaft wie die Niederlage gegen Ludwigsburg. Während wir uns durch die Sensation im Pokal-Achtelfinale in Oldenburg dieses Heimspiel verdient hatten, konnte Bonn im Pokalspiel gewinnen, weil sie enorm gut getroffen haben. Demgegenüber war die Niederlage gegen Ludwigsburg nur extremst hart zu verkraften. Dieser Spielausgang hat nicht nur mich ziemlich fertig gemacht, sondern ich glaube die gesamte Mannschaft. Eigentlich hätten wir nach diesem Spiele eine Woche Pause gebraucht, um wieder in die richtige Spur zu finden. Du hast direkt nach dem Spiel gemerkt, dass für den Moment viel verloren gegangen ist.

Um das mal auf meine Person herunterzubrechen. Wenn wir nicht gewonnen haben, brauche ich in der Regel eine Nacht, um die Niederlage zu verdauen. Nach dem Spiel gegen Ludwigsburg waren es sicher drei, vier unruhige Nächte. Letztendlich gehört es aber zu den großen Herausforderungen in der BBL, auch solche Niederlagen zu verkraften und anschließend nach vorn schauen zu können. Eine Mannschaft funktioniert ja immer dann am besten wenn sie gewinnt. Ich denke, dass unser Team homogen genug ist, um diese Talsohle zu durchschreiten. In der Niederlage zeigt sich der wahre Charakter der Menschen. Ich habe den Anspruch als Trainer, das Negative oder den Druck nicht an die Mannschaft weiterzugeben. Das hat keiner der Spieler verdient und da muss man sich auch immer treu bleiben.

Rückblickend war das Jahresende für die Mannschaft und Dich enorm kraftraubend.

Der Dezember 2018 war für mich persönlich auch aufgrund der nicht optimalen gesundheitlichen Situation mit gebrochenem Zeh und der Zahnbehandlung seit vielen Jahren sicher der härteste Monat. Zumal die Weihnachtsfeiertage und Silvester vor der Tür standen, Freunde, Verwandte und Bekannte überwiegend gute Laune hatten und diese auch von mir erwartet haben. Das war mit Blick auf unsere sportlichen Ergebnisse logischerweise nur schwer zu überspielen, weil es doch persönlich an mir nicht spurlos vorbeigegangen ist.

Der Tabellenkeller kommt näher. Einige Teams sind von unten aufgerückt. Hat Science City bei der Mannschaftszusammenstellung die Ausgeglichenheit der Liga unterschätzt?

Das würde ich so nicht sagen. Du kannst ja immer nur im Rahmen deiner Möglichkeiten arbeiten, solltest zudem auch immer die Identität deines Club im Auge behalten. Daran arbeiten wir seit Jahren und deshalb werden wir auch auch weiterhin daran festhalten. Der fast wichtigste Punkt ist doch, Kinder zu begeistern und sie auch für die Zukunft an uns zu binden. Natürlich liegt für viele Menschen in einer sportlich schwierigen Situation auf diesem Punkt nicht das Hauptaugenmerk. Dennoch braucht jeder Club Vorbilder und Spieler, mit denen sich der Nachwuchs und die Kinder identifizieren können. So etwas kannst du nur mit Jungs realisieren, die sich für den Verein aufgeopfert haben oder länger als ein Jahr für deinen Verein spielen. Mac ist jetzt im vierten Jahr hier, Julius Jenkins kam eine Saison später, Derrick ist seit Sommer 2017 in Jena. Julius Wolf spielt mittlerweile seit sechs Jahren hier, trainiert zudem die U14. Ermen kenne ich seit meiner Zeit als Nachwuchs-Trainer bei den Minis. Wenn ich mich dann an meine Kinderzeit in Göttingen zurückerinnere, in der ich mit Helden wie Uli Frank oder Mike Broderick groß geworden bin, die jahrelang für die BG gespielt haben, denke ich, dass Kontinuität völlig unabhängig vom Alter enorm wichtig ist. Selbst wenn wir verlieren, stehen viele Kinder an der Kabine und warte auf ihre Vorbilder.

Insofern würde ich meine Grundwerte Respekt und Dankbarkeit gegenüber verdienten Spielern nie verraten. Sie sind letztendlich diejenigen, die einen großen Anteil an unserer erfolgreichen Entwicklung haben. Das bezieht sich sowohl auf den Aufstieg des Jenaer Erstliga-Basketballs als auch hinsichtlich des Charakters im Verein. Jeder unserer Spieler würde beispielsweise aufstehen, wenn eine ältere Dame eine Straßenbahn oder einen Bus betritt.

Würdest Du aus heutiger Sicht etwas anders machen als im Sommer 2018?

Ich bin der Meinung, dass die Saison bis heute durchaus anders hätte verlaufen können, allerdings aus anderen Gründen. Wir haben in den zurückliegenden Jahren viele knappe Spiele gewonnen, sind von schwerwiegenden Verletzungen weitestgehend verschont geblieben. In diesem Jahr kommen viele nicht so glückliche Komponenten zusammen. Da sind nicht planbare Dinge dabei, die dich immer wieder zurückwerfen. Letztendlich gehört der Bänderriss eines Spielers genauso dazu, wie der kurzfristige Wechsel unseres Teammanagers oder eine fehlende Sekunden im Heimspiel gegen Bremerhaven. Insofern würde ich die Frage mit nein beantworten. Es ist ein schwieriges Jahr, dass dir zeigt, wie fragil sportlicher Erfolg ist und wo sich am Ende zeigen muss, ob wir diese Situation gemeinsam meistern können. Wenn wir gesund sind, wenn Sachen gut laufen, sollten wir diese Phase intensiver genießen und mehr wertschätzen. Das ist im Sport ebenso wie im Alltag. Das Meisterschaftsjahr in der ProA und die beiden letzten Jahre in der BBL waren großartig. Aber das Leben ist eben vielen Veränderungen unterworfen.

Unter dem Gesichtspunkt, dass wir im letzten Jahr mit Skyler, Max und Kyle sehr viel Glück mit den Verpflichtungen hatten, die Konkurrenz nicht zuletzt hinsichtlich des Pflichtetats von drei Millionen aufgerüstet hat und die Liga dadurch wesentlich ausgeglichener ist, war von Anfang an klar, dass der Kampf gegen den Abstieg kein Selbstläufer wird. Diese Herausforderung müssen wir annehmen und erfolgreich mit dem Klassenerhalt zu Ende bringen.

Ist es dabei nicht ein Fehler, sich mit der benötigten Anzahl von Siegen vor der Saison selbst unter Druck zu setzen?

Nein. Ich denke, dass solche Zielvorgaben enorm wichtig sind. Wir werden im Verlauf der Rückrunde sieben Siege brauchen, um die Klasse halten zu können. Schließlich sollte man sich nie darauf verlassen, dass die Konkurrenz schwächelt. Insofern werden wir die Teams, die mit uns gegen den Abstieg kämpfen, schlagen müssen. Das wären drei wichtige Siege, die wir einfahren wollen. Dazu wird es andere Spiele geben, in denen wir die Punkte mitnehmen müssen. Dabei dürfen wir nicht dieselben Fehler machen, die wir uns in der Hinrunde geleistet haben, vor allem defensiv.

Geschäftsführer Lars Eberlein hat Dir in seinem letzten Interview das Vertrauen ausgesprochen. Macht so etwas eher stolz oder erzeugt es eher Druck?

Ich glaube, am Ende ist es eine Mischung aus beidem. Ich freue mich natürlich in erster Linie über die Wertschätzung. Wir sind unseren Weg in Jena erfolgreich zusammen gegangen und ergänzen uns sehr gut. Letztendlich ist unsere Beziehung, so wie es Lars schon verglichen hat, mit einer Ehe in sportlicher Hinsicht gleichzusetzen. Du hast gute Zeiten, viele Erfolge miteinander gefeiert, aber dann kommen irgendwann eben auch mal schlechte Zeiten, in denen man zusammensteht. Natürlich erzeugt es auf der anderen Seite auch eine druckvolle Situation. Schließlich ist es das Team irgendwie schon so etwas wie mein Baby. Jena ist zudem meine Heimatstadt. Ich kenne hier sehr viele Leute und sehe es eher als Verantwortung, gemeinsam mit dem Team, die Saison erfolgreich zu beenden.





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