„Horrende Summen an Sozialkosten“: Jenaer Landtagsabgeordnete prangert in Winzerla die angblich „mangelhafte Qualifikation der allermeisten Asylbewerber“ an

11.11.15 • JEZT AKTUELL, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENA2 Kommentare zu „Horrende Summen an Sozialkosten“: Jenaer Landtagsabgeordnete prangert in Winzerla die angblich „mangelhafte Qualifikation der allermeisten Asylbewerber“ an

JEZT - Wiebke Muhsals Fotomontage mit dem Erfurter Dom und Demonstranten - Abbildung © Alternative fuer Deutschland

Fotomontage von Wiebke Muhsal vor dem Erfurter Dom mit Demonstranten – Abbildung © Wiebke Muhsal Facebook / Alternative für Deutschland

(JEZT / AFD / JENAREPORTER ULF KAUFMANN) – Die Alternative für Deutschland (AfD) und die Flüchtlinge: ein schier endloses Thema. Einst von den Neoliberalen Lucke und Henkel ins Leben gerufen, ist die Partei nach deren Abgang rechts abgerutscht, wie sich auch in der heutigen nationalkonservativen Führungsriege Petry, Gauland, Storch und Meuthen manifestiert. Aber es geht in der AfD sogar noch rechter zu, was sich darin zeigt, dass sich die AfD-Führung um Frauke Petry inzwischen offen vom Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke distanziert hat. Der wiederum veranstaltet seit Wochen in Erfurt Großdemos  gegen die „Asylkrise“ und klopft auch schon mal Sprüche, die den Neid von vielen Pegida-Rednern erwecken könnten.

„Thüringer. Deutsche. Dreitausend Jahre Europa. Tausend Jahre Deutschland“, ruft er und sagt, dass „kulturfremde Zuwanderung“ für ihn eine Bedrohung und ein Ausdruck vom Verfall Deutscher Werte sei. Bei Höcke klingt das so: „Wird die von den Altparteien eingeschlagene Marschrichtung nicht deutlich korrigiert, stehen schon mittelfristig unser Volksvermögen, unsere staatliche Integrität und unser Weiterbestand als Träger einer Hochkultur auf dem Spiel.“ Und es gibt Menschen aus seinem Umfeld, wie die Jenaer AfD-Landtagsabgeordnete Wiebke Muhsal (siehe oben auf einer selbstgemachten Fotomontage vor dem Erfurter Dom inklusive Demonstranten), die die gleiche Richtung einschlagen.

JEZT - Parteilogo der Alternative fuer Deutschland AfD - Abbildung © MediaPool Jena

Muhsal berichtet in einer Presseerklärung u.a. von einer Ortsteilratssitzung in Winzerla, in der das demokratisch gewählte Stadtteilgremium sich ihrer Meinung nach beim Thema Flüchtlinge „bemüht, Schattenseiten auszuklammern“. Dafür „verrennt sich (der Ortsteilrat) in Überlegungen zur beruflichen Integration“ und so weiter. Irgendeine Form von Verständnis für die Ängste, Sorgen oder Bedürfnisse der hilfesuchenden Menschen sucht man bei der (mit insgesamt rund 7.500 Euro monatlich aus Thüringer Steuergeldern finanzierten) Landtagsabgeordneten vergebens. In diesem Zusammenhang kennt die patriotische Alternative für Deutschland-Politikerin aber ganz offenbar die einzelnen Flüchtlinge persönlich, denn Muhsal weiß um die (Zitat) „mangelhafte Qualifikation der allermeisten Asylbewerber“ – woher bleibt offen.

Dass sich unter den 53 Asylbewerbern in der Turnhalle der Winzerlaer Goetheschule laut „jenarbeit“-Chef Eberhard Hertzsch unter anderem drei Fachärzte, ein Tierarzt und ein Soziologe befinden – eine Quote, die man unter 50 typischen Jenaerinnen und Jenaern nur schwerlich erreichen wird – interessiert Muhsal, obwohl genau so von ihr erwähnt, nicht. Lieber zitiert sie Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, die angeblich gesagt haben soll, dass nicht einmal jeder zehnte Asylbewerber die Grundlagen für Arbeit oder Ausbildung mit ins Land bringe. Das jedoch ist ein verzerrend zitiert, denn Nahles sprach davon, dass die meisten Flüchtlinge nicht qualifiziert seien, (Zitat) „um direkt in eine Arbeit oder Ausbildung vermittelt zu werden“. Und ganz verschweigt Muhsal in ihrem schlichten Weltbild diesen Nachsatz von Nahles: „Aus den Flüchtlingen sollen möglichst schnell Nachbarn und Kollegen werden. Diese Menschen wollen lernen und sie wollen arbeiten.“

Dafür weiß Wiebke Muhsal wiederum: „Zu glauben, Deutschland könne seinen Fachkräftebedarf aus Asylbewerbern decken, ist reichlich naiv. Auf uns kommen horrende Summen an Sozialkosten als Folgekosten dieser Asylpolitik zu. Auch Jena wird hiervon nicht verschont bleiben.“ Deshalb sei auch klar, dass es falsch ist, „städtische Turnhallen dauerhaft mit Flüchtlingen zu belegen und Sportvereine sowie Schulen von heute auf morgen auf die Straße zu setzen.“ Und wer ist nach ihrer Ansicht mit schuld an der Misere? Ganz klar:  Der Ortsteilrat von Winzerla, denn der setze sich nicht für alternative Lösungen ein, „sondern agiert vom Elfenbeinturm aus im Merkel‘schen ‚Wir schaffen das‘-Modus.“ – So einfach ist das alles. Jedenfalls für die 29-jährige Diplom-Juristin und Höcke-Anhängerin.

Dass Muhsals Schilderung der Veranstaltung aus Sicht des Winzerlaer Ortsteilrates „nicht nur unvollständig, sondern an einigen Stellen sogar sachlich falsch“ ist, wie Dominik Brack als Protokollführer des Ortsteilrates erklärte, interessiert Wiebke Muhsal und ihre mehr als 3.000 Facebook-Freunde wenig, wie die Kommentare zu ihrer Winzerla-Meldung zeigen. W. W. schreibt ihr u.a. „Ganz ehrlich, ich hab jetzt ne Arschkarte und muss mit den zusammen leben mit denen ich nicht will.“, N. B. beklagt sich über die verheerende Invasions-Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel und H. H. stellt klar: Ich mag den Islam, wenn er dort bleibt wo er hin gehört.“





2 Kommentare

  1. ostpflanze sagt:

    Wenn ich diese Kuh sehe, wie sie grinsend die Fahne schwenkt und im Hintergrund „tobt der Hass vor meinem Fenster“, wie Ich & Ich gesungen haben, da bekomme ich zuviel. Heute ist Martinstag und solche Sorten haben nichts im Sinn mit Teilen und Barmherzigkeit. Nur immer drauf, auf die Ausländer, hetzen, abschieben, ausgrenzen. Was sind denn das für Vorbilder für unsere Kinder.

    Was mich aber am schärfsten erschreckt ist, dass man bei uns diesen Rattenfängern aus dem Westen folgt. Höcke kommt aus Hessen, Ramelow stammt aus Niedersachsen und die gute Frau Weibke kommt aus Nordrhein-Westfalen. Ist man denn so dumm, nicht zu merken, dass die in Thüringen nur ihr Süppchen kochen wollen mit unserer Energie? Wie blöd kann man sein?

  2. Frido Hermann sagt:

    Das was Wiebke Muhsal macht ist Dummenfängerei und es in Winzerla zu machen, der einstigen „befreiten Zone“ von Zschäpe, Mundlos, Wohlleben und Co., ist pure Berechnung. Vielleicht denkt sie, dass es dort noch rechtes Potential gibt, das man für die AfD rekrutieen kann. Sowas ist Panikmache und Politik der übelsten Sorte.

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