„Allen Unkenrufen zum Trotz“: Die ThüringerInnen und die Menschen in Jena sind 28 Jahre nach der Wende überwiegend zufrieden mit ihrer Situation

09.11.17 • AUS DER REGION, JEZT AKTUELL, KULTUR & BILDUNG, NEWSCONTAINER, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENA, UNSER JENA & DIE REGIONKeine Kommentare zu „Allen Unkenrufen zum Trotz“: Die ThüringerInnen und die Menschen in Jena sind 28 Jahre nach der Wende überwiegend zufrieden mit ihrer Situation

Man kennt das: Selbsternannte Gesellschaftexperten, deren Qualifikation vor allem darin zu bestehen scheint, einen Blog zu eröffnen, legen ihren Zeigefinger in die Seelen der Mitmenschen im Freistaat und erkennen dann, weshalb es Wutbürger gibt und dass daran stets „die da oben“ Schuld tragen. Sie erkennen darüber hinaus für unsere Stadt und die Region unmittelbare Gefahr, weil die Bürger in einer Art „DDR 2.0“-Planwirtschaft geknechtet und kleingehalten werden. Man finde Unzufriedenheit, wohin man schaut, heißt es.

Aber ist denn die überwiegende Mehrzahl der Jenaerinnen und Jenaer tatsächlich unzufrieden oder entspringt solch eine Sichtweise allein der Meinung einzelner, die keine andere wie die eigene gelten lassen? Schauen wir mal auf den sog. „Thüringen-Monitor“, eine seit 2000 jährlich stattfindende repräsentative Bevölkerungsbefragung zur politischen Kultur im Freistaat Thüringen. Ein besonderer Fokus liegt dabei jedes Jahr auf der Erforschung rechtsextremer Einstellungen, der Demokratieakzeptanz, der Demokratiezufriedenheit, dem Institutionenvertrauen und der politischen Partizipation der Thüringer Bevölkerung. Dies ermögliche die Diagnose und Interpretation längerfristiger Entwicklungen in Form von Zeitreihenanalysen, sagen die echten Gesellschaftswissenschaftler.

Das Schwerpunktthema des diesjährigen „Thüringen-Monitors“ ist die Vermessung der sozialen und politischen „Mitte“ 28 Jahre nach der Wende im Jahre 1989. Die „Mitte“ gilt einerseits seit langem als eine Klammer, die plurale Gesellschaften und demokratische Verfassungsstaaten zusammenhält. Andererseits gilt sie aber auch (und dies bereits mit Blick auf die 1930er Jahre) als eine Brutstätte des Rechtsextremismus und menschenfeindlicher Ressentiments. Wie sich „die Mitte“ tatsächlich konstituiert, wie sie auf politischen und sozialen Wandel reagiert, sind Grundfragen des gesellschaftspolitischen Diskurses, die auch tagesaktuell eine hohe Bedeutung haben. Eingebettet worden ist dieser Schwerpunkt in eine Darstellung der Entwicklungstrends im Freistaat,
welche die Monitor-Befragungen der vergangenen Jahre fortführt und die Kontexte beschreibt, in denen sich das politische und soziale Leben im Lande vollzieht.

Jena, die Studentenstadt. © FotoliaLicense#171090024

In wirtschaftlicher Hinsicht wird das Umfeld der politischen Kultur Thüringens durch ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (welches überraschenderweise nahezu punktgenau dem ganz Deutschlands entspricht) und einen leichten Rückgang der Erwerbslosenquote gekennzeichnet. Hier nähert sich Thüringen weiter dem Durchschnittswert der westdeutschen Länder an, hat aber seinen früheren Vorsprung gegenüber den ostdeutschen Ländern fast völlig abgebaut. Sowohl die Abnahme der Arbeitslosigkeit wie auch das wirtschaftliche Wachstum haben zuletzt etwas an Dynamik verloren. Dem Anschein nach wird dies auch von den Befragten des „Thüringen-Monitors“ wahrgenommen, deren Einschätzung der wirtschaftlichen Lage Thüringens seit 2014 auf relativ hohem Niveau stagniert.

Dies gilt seit 2013 auch für die eigene finanzielle Lage, die seither entgegen dem üblichen Bild leicht ungünstiger als die allgemeine wirtschaftliche Lage eingeschätzt wird. Zu vermuten ist, dass hier die verhaltene Entwicklung der Reallöhne ursächlich ist. Nach wie vor deutlich unter dem Bundesdurchschnitt und massiv (das heißt, um etwa ein Drittel) unter den Werten der westdeutschen Spitzenreiter liegen die Bruttolöhne und -gehälter der ArbeitnehmerInnen im Freistaat, der hier – nur gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt – den drittletzten Platz im Ländervergleich einnimmt. Im Zusammenspiel mit den Spätfolgen der Massenarbeitslosigkeit in den 1990er Jahren und zu Beginn des Jahrhunderts trägt dieses Lohn- und Gehaltsdifferential auch zu einer Minderung der Rentenansprüche bei.

Solche Entwicklungen fördern, so die Wissenschaftler vom Institut für Soziologie, empirische Sozialforschung und Sozialsturkturanalyse der Friedrich-Schiller-Universität Jena (dort wurde der „Thüringen Monitor“ erstellt), das Gefühl, individuell oder kollektiv als Ostdeutsche/r benachteiligt zu sein, was 2017 jeweils von 37 Prozent bzw. 49 Prozent der Befragten geäußert wurde, wobei individuelle Benachteiligung besonders stark in den seit den 1990er Jahren auf dem Arbeitsmarkt aktiven Alterskohorten beklagt wird. Dies sind insofern bedenkliche Befunde, weil „Ostdeprivation“ (= die Ost-Benachteiligung) einen signifikanten Erklärungsbeitrag für Rechtsextremismus, Neo-Nationalsozialismus und Fremdenfeindlichkeit leistet. Westdeutsche werden von vielen Thüringern auch 2017 immer noch als hochnäsig empfunden, Ostdeutsche als fleißig gesehen, aber nicht gerecht dafür entlohnt.

Eine Dämpfung dieser „Ostdeprivation“ würde einen Risikofaktor für die politische Kultur Thüringens vermindern. Relative Einkommensschwäche geht in Thüringen mit hoher sozialer Gleichheit einher: In der Rangordnung der Bundesländer ist unser Bundesland zusammen mit Sachsen das Land mit der geringsten Ungleichverteilung der Einkommen. Es gibt also, was sich ebenfalls in den Berechnungen des „Thüringen-Monitors“ zu den durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommen zeigt – eine Nivellierung nach unten, die auch eine Auswirkung auf die Bestimmung der „sozialen Mitte“ hat.

Blick von Maua auf Neu-Lobeda – Foto © 2003 MediaPool Jena

69 Prozent der Befragten sind – ihren Nettoäquivalenzeinkommen nach – dieser Mitte zuzurechnen un diese Einkommensstruktur geht durchaus mit hohen Zufriedenheitswerten zusammen: 93 Prozent (!!!) aller Befragten und immerhin noch 79 Prozent der Personen in der niedrigen Einkommenskategorie geben an, mit ihrem Lebensstandard zufrieden zu sein. Empfindungen der Benachteiligung werden jedoch als „relative Deprivation“ durch Vergleiche mit anderen, nicht zuletzt mit Westdeutschen, genährt. Immerhin 53 Prozent der Befragten geben an, im Vergleich zu anderen „weniger als den gerechten Anteil“ zu erhalten. Es sind solche Empfindungen relativer Benachteiligung, die zwar mit zunehmender Einkommenshöhe abnehmen, aber in Thüringen in allen Einkommenskategorien in erheblichem Umfang vorhanden sind, die soziale Ressentiments, Abwertung von Minderheiten und Rechtsextremismus begünstigen. –Den kompletten THÜRINGEN-MONITOR 2017 findet man HIER.

Bezüglich der Frage der Vollbeschäftigung in Jena und der Region sind die aktuellen Zahlen der Agentur für Arbeit eindeutig: rund 3.20o Frauen und Männer waren im Oktober 2017 im Stadtgebiet von Jena arbeitslos, was 5,9 Prozent der Beschäftigten entspricht – 0,2 Prozentpunkte niedrigen als 2016. Im Saale-Holzland-Kreis waren im Oktober etwa 2.000 Frauen und Männer ohne Beschäftigung, was im Vergleich mit dem Vorjahr einen Rückgang von etwa 250 Menschen darstellt und eine Arbeitslosenquote von 4,5 % repräsentiert. Und wie steht es um die Mieten? Entgegen den düsteren Unkenrufen der Hobbyexperten sieht die Wirklichkeit so aus: In Jenas Ortsteil Neulobeda mit seinen rund 22.000 EinwohnerInnen erbrachte die gerade veröffentlichte Mieterbefragung 2017 von jenawohnen für Jenas größtes Wohnungsunternehmen überwiegend positive Resultate. Nach den von Prof. Dr. Ulrich Lakemann (Fachbereich Sozialwesen an der Ernst-Abbe-Hochschule) ermittelten Werten sind nur fünf Prozent der Mieter mit ihrer Wohnung und der zu zahlenden Miete unzufrieden. Dagegen bewerteten rund 75 % der jenawohnen-Mieterinnen und Mieter ihre jeweilige Miethöhe als „sehr günstig“ bis „angemessen“. Über die Wohnung hinausgehend, erklärten 2/3tel sogar, sie würden gerne im Stadtteil Neulobeda leben. – Die Ergebnisse der Mieterbefragung findet man DORT.

Man darf also nicht blind den falschen Propheten – egal ob sie in unserer Gesellschaft rechts oder links stehen – glauben. Natürlich wird im Jenaer und Thüringer Volke nicht zu knapp gemeckert, aber viele Menschen halten sich eben auch aus der Debattenkultur heraus, weil sie keinen Grund für generelle Kritik sehen. Was übrig bleibt ist zwar wahr, aber eben nicht repräsentativ – heißt: wenn niemand debattieren möchte, ist dies gelegentlich auch ein Zeichen, dass es dem Menschen gefühlt gut geht. Das insbesondere, da wir in Deutschland / Thüringen / Jena heute – und dies im Gegensatz zum Herbst 1989 – in einer Gesellschaft leben, die ihren Bürgern eine weitaus bessere Freiheit und Demokratie bietet, als andere Länder in unmittelbarer Umgebung.





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