„Audio Workshop“: Wie man ähnliche Tonaufnahmen akustisch unterscheiden kann

17.04.18 • INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, POLITIK & URBANES LEBEN, RADIO JENA, START, UNSER JENAKeine Kommentare zu „Audio Workshop“: Wie man ähnliche Tonaufnahmen akustisch unterscheiden kann

Einmal angenommen, Sie haben eine ganz besondere Tonaufnahme ihres Lieblingschors oder ihrer Lieblingsband gemacht, sind ganz stolz darauf und freuen sich mit allen Akteuren so sehr darüber, dass man diese Aufnahme im Internet online stellt. Wie würde es ihnen gefallen, wenn einen Tag später ein Nachbar käme und sie anspricht und zu ihnen sagt: „Ich habe eine einmalige Tonaufnahme ihres Lieblingschors / ihrer Lieblingsband gemacht und sie heute online gestellt.“

Wahrscheinlich würden sie sich irritiert fragen, wie der Nachbar das bewerkstelligen konnte, dann hören sie sich seine Aufnahme an und kommen zu dem Schluss: „Das ist ja dreist, der hat ja ohne zu fragen genau meine Aufnahme genommen und sie als eigene Arbeit für sich selbst ins Netz gestellt.“ Darauf in Gegenwart des Chors oder der Band angesprochen, könnte es aber passieren, dass der Nachbar cholerisch reagiert und zu ihnen sagt, das sei eine Lüge, er habe seine Aufnahme ohne ihre Hilfe gemacht. Gibt es da eine Möglichkeit zu beweisen, dass sie im Recht sind? – Ja.

Unser Audio-Workshop „Tonvergleiche“ hilft ihnen dabei, dass sie zu ihrem Recht kommen. Auch wenn der Nachbar „seine“ Aufnahme schnell wieder gelöscht haben sollte.

„Arne Petrich für Jena“: Fünf Statements, abgerufen am 16.03.2018

Lektion 1: Die Originalaufnahme aufheben

Heutzutage gibt es einige Möglichkeiten, um Audioaufnahmen zu machen. Entweder konventionell als Tonbandaufzeichnung oder DAT-Aufnahme bis hin zu Aufzeichnungen, die auf Datenträgern oder einer Cloud gespeichert werden; Mitschnitte auf Speichermedien haben in aller Regel den Vorteil, dass Tag und Uhrzeit mit registriert werden. Aber auch, wenn dies nicht der Fall ist, könnte ein beauftragter Audiogutachter (korrekte Bezeichnung: Sachverständiger für Tontechnik) zweifelsfrei nachweisen, wer im Besitz des Audio-Originals (Mutteraufnahme) ist und wer die Kopie davon sein eigen nennt.

Beginnen wir unser Audio-Workshop mit einem praktischen Fall: Unsere ZONO Radio Jena-Sendung „OB Wahl 2018: Diskussion der Kandidaten im Rathaus auf Einladung des städtischen Seniorenbeirats“ wurde am 13.03.2018 im Jenaer Rathaus aufgenommen und am gleichen Abend auf dem ZONO Radio Jena Podcast bei SoundCloud veröffentlicht als Audiodatei https://soundcloud.com/zono_radio_jena/ob-wahl-2018-diskussion-der-kandidaten-im-rathaus-auf-einladung-des-seiorenbeirats-der-stadt-jena

Am 15. und 16.03.2018 veröffentlichte Herr Arne Petrich auf seinem SoundCloud Account „Arne Petrich für Jena“ diese Audiodateien:

a. – „Statement zur Kommunikation in Jena beim OB Podium des Seniorenbeirats“ (= https://soundcloud.com/arne-petrich/zoom0051_ms120-m4a)

b. – „Statement zum Wohnen in Jena beim OB Podium des Seniorenbeirats“ (= https://soundcloud.com/arne-petrich/wohnen_senioren)

c. – „Statement zum Sport in Jena beim OB Podium des Seniorenbeirats“ (= https://soundcloud.com/arne-petrich/zoom0038_ms120-m4a)

d. – „Statement zur Kultur in Jena beim OB Podium des Seniorenbeirats“ (= https://soundcloud.com/arne-petrich/zoom0043_ms120-m4a)

e. – „Statement zum Kunsthaus in Jena beim OB Podium des Seniorenbeirats“ (= https://soundcloud.com/arne-petrich/zoom0045_ms120-m4a)

plus die zusammenfassende Paylist: f) https://soundcloud.com/arne-petrich/sets/gedankensplitter-zur-ob-wahl.

Unsere Aufnahme und seine Ausschnitte ähneln einander. Nun sind die Fragen „Wer war zuerst da: Das Huhn oder das Ei?“ und „Wie sehr identisch sind die Aufnahmen?“ zu beantworten. Als erstes Klangbeispiel für unser Audio-Workshop nutzen wir zuerst unsere Stereoaufnahme vom 13.03.2018, die wir immer sicherheitshalber auf einem zweiten Aufzeichnungsgerät (= Backup-System) mit anfertigen, falls das Mono-Aufzeichnungsgerät einmal ausfallen sollte. Aus akustischen Gründen haben beide Geräte das gleiche Stereo-Mikrofon.

Zweiter Teil des Beispiels ist unsere Mono-Version der Diskussion, die am 13.03.2018 auf unserem SoundCloud-Podcast online gestellt wurde – wir starten diese bei 44 Minuten und 26 Sekunden. Und als Vergleich hört man anschließend Arne Petrichs „Statement zum Wohnen in Jena beim OB Podium des Seniorenbeirats“ aus seinem SoundCloud Account „Arne Petrich für Jena“.

Zum Hörvergleich braucht man nicht das gesamte Statement zu verfolgen – ein paar Sätze genügen, wie uns vor kurzem Tonmeister M.A. Jo Paulsen berichtete. Im Rahmen seiner Gutachtertätigkeit nutzt Paulsen zur Vergleichsanalyse aber selbstverständlich idealerweise längere Passagen.

Hinweis: Alle in der Folge beschriebenen Audiobeispiel können nachfolgend in unserem Podcast bei SoundCloud angehört werden.

Lektion 2: Lautstärke

Was auffällt: Petrichs Audiodatei ist lauter als die beiden anderen. Gleicht man die Lautstärke unserer Audiodateien jedoch der von Arne Petrich an und unterzieht beide Dateien einem Audioanalyseprogramm (z. B. Steinberg Wavelab) um Mithilfe des Dateivergleichs Unterschiede zwischen beiden Dateien zu erkennen, ergibt diese Analyse eine Übereinstimmung von 96,2 % bezüglich der Parameter – heißt: beide Aufnahmen sind nur zu 3,8 % NICHT identisch; „Flugsand“, wie der Tonmeister sagt, der entsteht, wenn sich jemand eine komprimierte MP3-Datei kopiert und dann als erneut komprimierte MP3-Audiodatei online stellt.

Lektion 3: Raumakustik

Mehrere im gleichen Raum am identischen Tag synchron hergestellte Mikrofonaufnahmen klingen ähnlich, unterscheiden sich mitunter im Vergleich jedoch erheblich, wenn Störgeräusche hinzukommen. In unserem Beispielfall könnte das ein Klappern von Möbeln, Schritte, Husten und so weiter sein. Allein das Husten einer oder mehrerer Personen ist an unterschiedlichen Stellen des Raum akustisch völlig unterschiedlich wahrzunehmen. Vom Halleffekt einmal abgesehen klingt ein Husten, aufgenommen an Position A (= beispielweise hinten rechts im Raum) viel leiser als an Position B (= vorne links im gleichen Raum), wenn die hustende Person vorne links sitzt. Demnach wäre dieses Husten auf Aufzeichung A (also hinten rechts) wenig bis kaum wahrnehmbar, während es auf Aufzeichnung B (vorne links) sehr laut zu hören wäre.

In unseren Aufnahmen vom Plenarsaal des Jenaer Rathauses sind alle Nebengeräusche (auch das Husten) mit denen der von Arne Petrich am 15.03.2018 veröffentlichten Aufnahme in der Audioanalyse zu 97 % identisch – also nahezu gleich. Im Umkehrschluss: Wäre die Aufnahme von Herrn Petrichs mit eigener Aufnahmetechnik hergestellt worden, dann hätte sein Mikrofon an nahezu identischer Stelle (hießt in diesem Fall auch: in etwa 1 Meter Höhe auf einem Stativ) stehen müssen, wie unser Mikrofon. Fotos belegen, dass es an dieser Stelle im Plenarsaal des Jenaer Rathauses allein unsere Aufnahmetechnik gab.

Lektion 4: Tontechnik

Im Beispielfall am 13.03.2018 wurden die akustischen Aufzeichnungen von ZONO Radio Jena NICHT mit einer Aufnahmeautomatik durchgeführt. In der Folge ergaben sich beim Abhören teils erhebliche Lautstärkeunterschiede, die man entweder manuell oder mit Hilfe eines sog. Lautstärke-Kompressors nachregeln kann. Wir entschieden uns für die manuelle Tonbearbeitung. Hier wurden allein an den lautesten Stellen der etwa zweistüdigen Aufnahme die Laustärkepegel manuell nach einem bestimmten Algorithmus abgesenkt, die leisen Passagen angehoben. Niemand kann bei insgesamt mehr als 30 Änderungen der Tonhöhe auf einer völlig anderen Tonaufnahme manuell ein zweites Mal faktisch an der gleichen Stelle der Aufnahme exakt die gleichen Änderungen vornehmen: es müssten sich also, teil gravierende, Änderungen ergeben. Hier ergab sich aber im direkten Vergleich eine Übereinstimmung von 80 bis 85 % – ein sehr guter Wert, denn bei der Kopie einer komprimierten MP3-Datei, die später erneut komprimiert als MP3-Audiodatei online gestellt wird, ergeben sich in der Regel geringere Übereinstimmungen.

Lektion 5: Die „unhörbare“ Signatur

Bei einer mehrstündigen PCM-Audioaufnahme (wie im vorliegenden Fall), die später als MP3-Kompressions-Audiodatei gespeichert wird, geschieht das in Form einer Konvertierung. Dabei wird ein sog. Re-Sampling durchgeführt, das in der Regel zu leichten Veränderungen der Gesamtlaufzeit führt. Hier kann man im Tonstudio die Werte wieder angleichen, um Musik und Sprache die gleiche Referenz-Tonhöhe zu geben wie im Original. Leider konnte das im Beispielfall vom 13.03.2018 aus Zeitgründen NICHT durchgeführt werden, denn die Aufnahme wurde bereits etwa dreieinhalb Stunden nach der Aufzeichnung von Radio Jena auf dem ZONO Podcast bei SoundCloud zum Nachhören online gestellt. Heißt: Diese Aufnahme hat eine leicht andere Tonhöhe im Vergleich zur Realität (= die Stereoaufnahme) bzw. die zu hörenden Personen haben normalerweise eine etwas höhere Stimme. Arne Petrichs Aufnahme hat aber exakt die gleiche leicht veränderte Tonhöhe wie unsere Originalaufnahme – eine „unhörbare“ Signatur, die nicht vorhanden wäre, wenn er für sich eine autonome Aufnahme mit einem anderen Aufnahmegerät gemacht hätte. Tonhöhen-Übereinstimmung hier: 100 %.

Fazit unseres Audio-Workshops

Wie bereits der direkte Hörvergleich andeutet, handelt es sich bei beiden Mono-Aufnahmen im Grunde um ein und dieselbe. Dies bestätigt die Audioanalyse von M. A. Jo Paulsen mit 1.) 96,2 % Übereinstimmung im Datenvergleich, 2.) 97 % identischer Raumakustik, 3.) 82,5 % identischer Tontechnikparameter und 4.) einer zu 100 % identischen Tonsignatur der Tonhöhe.  Vier gleichberechtigte Analysesegmente, die zusammengenommen die Vaterschaft von ZONO Radio Jena an Arne Petrichs Audiodateien-„Kind“ eindeutig belegen. Heißt: die Chance einer rein zufälligen Übereinstimmung der Aufnahmen – und damit die Wahrscheinlichkeit einer eigenen Aufnahme – liegt bei nur 6,1%.

Soviel für heute. Ich hoffe, Ihnen hat unser Audio-Workshop Spaß gemacht. Warten wir ab, ob Herr Petrich in dieser Sache noch etwas sagen möchte. Falls er weiter der Meinung ist, eine eigene Aufnahme online gestellt zu haben, muss er bereit sein, diese Originalaufnahme/n für eine Prüfung freizugeben, um seine Sound-„Vaterschaft“ zu belegen. Als Referenz liegen bei SoundCloud immer noch die von Petrich hochgeladenen Aufnahmen vor, da sie nicht wirklich gelöscht wurden, sondern nur für eine weitere Nutzung gesperrt sind – oder wie Johann Wolfgang von Goethe einst feststellte: „Die Menschen verdrießt’s, daß das Wahre so einfach ist.“

Ihr

Rainer Sauer, Jena





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