2018: Was vom Jahr übrig bleibt… (Ein Kommentar von Rainer Sauer)

31.12.18 • AUS DER REGION, INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENA, UNSER JENA & DIE REGIONKommentare deaktiviert für 2018: Was vom Jahr übrig bleibt… (Ein Kommentar von Rainer Sauer)

Symbolfoto © MediaPool Jena

Das Jahr 2018 geht, ein neues Jahr folgt. Zeit und Gelegenheit, um auf einige Ereignisse der vergangenen zwölf Monate zurückzublicken. Ich möchte mich dabei – anders als bei einer Quoten-Rückschau (die man bei uns HIER, DA, DORT und AN DIESER STELLE finden kann) – auf drei Themen beschränken, die aus meiner Sicht für unsere Stadt und die Region von entscheidender Bedeutung waren.

Erstens: Die Wahl von Dr. Thomas Nitzsche zu Jenas Oberbürgermeister

Hierbei überraschte mich die Deutlichkeit, mit der Ex-OB Dr. Albrecht Schröter nach der Stichwahl seinem frei-demokratischen Herausforderer unterlag. Wobei man sieht, dass gelegentlich wundersam unüberwindlich wirkende Gegner am Ende doch nur „Scheinriesen“ sind, wie es Michael Ende wunderbar in seiner „Jim Knopf“-Geschichte beschrieb: Also jemand, der, umso weiter weg man ihm betrachtet, umso größer wirkt, bei Annäherung aber in seiner Bedeutung schrumpft.

Nitzsche gab die Parole „Durchstarten Jena“ aus und näherte sich dem langjährigen Amtsinhaber auf Augenhöhe. Und der merkte zu keinem Zeitpunkt, wie ihm geschah. Verhielt sich sogar noch surreal überheblich, als der „FDP-Stadtrat Thomas Nitzsche“, wie er ihn bezeichnete, als Stichwahl-Konkurrent feststand, sah darin offensichtlich nur einem kleinen Betriebsunfall in seinem Projekt „Wiederwahl“.

Im Fernseh-Duell bei JenaTV gab Albrecht Schröter gutgemeinte Ratschläge an seinen Herausforderer, etwa in der Art, dass es Jahre der Erfahrung brauche, wenn man in einer Stadt wie Jena OB-Verantwortung übernehmen wolle. Symptomatisch diese Passage Schröters: „Wenn man durchstarten will, dann hat man vorher eine Flugausbildung zu machen, damit man das auch alles kann. Man braucht fünf Jahre, bis man in den Job richtig reinkommt“. Dann kam die Stichwahl, in der die Wählerinnen und Wähler in einer auch heute noch, Monate danach, atemraubenden Klarheit dem Amtsinhaber ihr Vertrauen entzogen und Dr. Thomas Nitzsche mit 63,3 Prozent der Stimmen als neuen Oberbürgermeister wählten.

Ich denke nicht, dass es in Jena „nur“ eine Anti-SPD- und Wechselstimmung gab, denn Schröters Erfurter Kollege Andreas Bausewein (der auch schon seit 2006 im OB-Amt war) obsiegte bei seiner Stichwahl. Es lag wohl hauptsächlich am Politiker und Menschen Thomas Nitzsche, blitzgescheit und allzeit thematisch, intellektuell, rhetorisch gut aufgestellt. Ein junger OB-Kandidat, der sich weigerte, Phrasen zu dreschen oder (Schröter-like) in der Schlussphase des Wahlkampfs den Gegner über Hauspostwurfsendungen schlecht zu machen. – Wobei ich schon beim nächsten Thema wäre.

Zweitens: Die Selbstzerstörung eines Hoffnungsträgers

Einst galt Arne „stossmalziehmal“ Petrich für viele Menschen in unserer Stadt als Hoffnungsträger für eine offene Debattenkultur. Obwohl sein Geld als Immobilienmakler verdienend, inszenierte sich „Mr. Jenapolis“ vor zehn Jahren erfolgreich als „Robin Hood, unser Freund und Rächer“ – sprich: Sozialrevolutionär und Volksheld. Aber Petrich war nie ein lokaler Held und auch seine Ergebnisse als Social Entrepreneur waren ehe bescheidener Natur. Immer wieder wies Radio Jena / wies ich in der Vergangenheit auf Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Arbeit von Jenapolis und Arne Petrich hin und das stets aus gutem Grund.

Doch in diesem Jahr lieferte Petrich als selbstgekürter OB-Kandidat die absonderlichen Fakten von ganz alleine, versprach den Bürgern ein Märchen von der Bürgerkommune, ohne selbst genau zu wissen, wie das gehen soll. Ob er sich deshalb weigerte sich, es den Wählerinnen und Wählern zu erklären und die finanzielle Konsequenzen darzulegen? Was folgte war „der schlechteste OB-Wahlkampf ever“, den unsere Stadt jemals erleben durfte.

Eigentlich begann sein individueller Niedergang bereits im Jahr zuvor, als die Internetseite von Mr. Jenapolis in nur wenigen Wochen gleich mehrfach von internationalen Hackern gekapert wurde und Petrchis Nutzer so um deren Datensicherheit und somit auch Vertrauen gebracht wurden. Dies hinderte ihn nicht daran, Amtsinhaber Schröter und dessen Verwaltung für deren Datensicherheit zu schelten, obwohl die www.jena.de-Seite noch niemals gehackt worden war.

Außerdem warf Arne Petrich dem Jenaer Oberbürgermeister fälschlicherweise vor, seine – also Petrichs – Webseite für städtische Mitarbeiter gesperrt zu haben, sprach in wirren Worten davon, dass sich ein unfehlbar „Gottgleicher“ offenbart habe, der „Bann und Acht“ über unliebsame Personen verhänge und die Informationsfreiheit verletze. „Die Webseite des OB darf der Behördenmitarbeiter nach Lust und Laune besuchen, Kritiker und nun auch Konkurrenten um das geliebte Amt werden jedoch ausgesperrt“, schrieb Mr. Jenapolis und sprach von „Tatsachenunterdrückung zum Selbstzweck“, Willkür und Zensur. Fake-News nennt man so etwas heutzutage, aber offensichtlich dachte Arne Petrich, wenn es einmal funktioniert hat, dann vielleicht auch ein zweites Mal. Aber: darf jemand, der sich um das Amt als ersten Bürger einer Großstadt bewirbt, so agieren?

Schließlich entglitt ihm sein Wahlkampf: Petrich änderte willkürlich und ohne Erklärung nach außen die eigenen Wahlkampfseiten, weigerte sich, mit Flyern und Plakaten um Wähler zu werben, verscherzte es sich mit Social Media-Nutzern und klinkte sich schließlich ganz aus den Jenaer Wahlkampfveranstaltungen aus, mied das Gespräch mit Zeitungen und im Radio. Das Ergebnis waren am Ende 597 von insgesamt knapp 45.000 abgegebenen Wählerstimmen und das völlige Verschwinden seines Jenapolis-Portals in der Bedeutungslosigkeit.

Drittens: Der Umgang mit Soziokultur in Jena

Hierunter versteht man im Grunde die Summe aus allen kulturellen, sozialen und politischen Interessen und Bedürfnissen unserer urbanen Gesellschaft, wobei die Wortverbindung 2018 in unserer Stadt oft nicht das enge Zusammenwirken zwischen sozialen und kulturellen Aspekten gesellschaftlicher Gruppen und ihren Wertesystemen zum Thema hatte, sondern jeweils allein das auf den eigenen Vorteil bedachte Denken und Handeln kleiner gesellschaftlicher Gruppen.

Ob es sich um den Wagenplatz handelte, den „Insel“-Standort im Stadtzentrum oder das Thema Südkurve: stets gingen Protagonisten wie Unterstützer nicht wirklich soziokulturell vor, sondern manchmal erstaunlich eigensinnig projektbezogen. Für den Wunsch „Wagenplatz bleibt“ ignorierten einige Stadträte für zehn Wagenburg-Bewohner Thüringer Kommunalrecht, „Insel bleibt – Nitzsche muss weg“ wurde skandiert, obwohl ein seit Jahren feststehender Bebauungsplan den Umzug schon lange vorsah, und die Aktion „Südkurve bleibt“ war Vorwand für Sachschäden in Höhe von mehreren zehntausend Euro und zugleich gibt es bis heute die Weigerung der Südkurve-Fans, für die Beseitigung der Sachschäden einzustehen.

Was bei dem Spiel „Wer am lautesten schreit, hat recht“ aber leicht übersehen wird: Soziokultur in Jena ist nicht nur Wagenplatz, „Insel“ und Südkurve sondern auch Zirkus Momolo, „Schloß Neuschweinstein“ oder Imaginata und viele andere Projekte. Nur wenn es der Kultur unserer Stadt insgesamt gut geht, geht es auch gut mit städtisch geförderter Soziokultur. Jedoch vermeintliche Rechte einzufordern und hiervon keinen Zentimeter abzuweichen, selbst wenn Recht und Gesetz und Bürgerempfinden dagegen stehen, ist meiner Meinung nach kontraproduktiv und vielleicht sogar im Grunde soziokultur-schädigend.

In diesem Sinne

Ihr Rainer Sauer





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