„Pogromnacht 9. November 1938“: Der Anfang der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ – Jena erinnert heute an das düsterste Kapitel Deutscher Geschichte

09.11.19 • JEZT AKTUELL, KULTUR & BILDUNG, NEWSCONTAINER, POLITIK & URBANES LEBEN, START, UNSER JENAKommentare deaktiviert für „Pogromnacht 9. November 1938“: Der Anfang der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ – Jena erinnert heute an das düsterste Kapitel Deutscher Geschichte

Blick in die am 9. November 1938 zerstörte Synagoge in Kippenheim. – Foto © Verein Ehemalige Synagoge Kippenheim

(red + Content der LpB Banden-Württemberg) – Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ging als „Kristallnacht“ oder „Reichspogromnacht“ in die deutsche Geschichte ein. Dabei wurden viele Hundert Menschen getötet oder in den Suizid getrieben, mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige jüdische Versammlungsräume in Brand gesetzt sowie tausende jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstört.

Die Pogrome waren vvom faschistischen NS-Regime gezielt organisiert und gelenkt worden und stellten den Übergang von der fünf Jahre zuvor begonnenen Diskriminierung der deutschen Juden hin zu ihrer systematischen Verfolgung und schließlich den Holocaust dar.

Hintergrund: Die gewaltsamen Ausschreitungen fallen in eine historische Konstellation, in der die „Judenpolitik“ des nationalsozialistischen Regimes an einem Wendepunkt angelangt war, markieren somit End- und Anfangspunkt einer Entwicklung. Die Reichspogromnacht vom 9. und 10. November 1938 steht für den Antisemitismus in Deutschland und den Wandel hin zu einer Entwicklung, die in einer „Endlösung der Judenfrage“ im deutschen Machtbereich mündete: dem nationalsozialistischen Völkermord an rund sechs Millionen europäischer Juden.

Ankunft eines Zuges der Deutschen Reichsbahn mit Juden im KZ Auschwitz im Jahre 1944. – Foto © Wikimedia Commons Bundesarchiv – Bild 183-N0827-318 – CC-BY-SA 3.0

Am Abend des alljährlichen Treffens der NSDAP-Führerschaft Anfang November wurden die Übergriffe nach Zustimmung Hitlers von Propagandaminister Josef Goebbels durch eine Hetzrede ausgelöst. Goebbels verwies auf die bereits stattgefundenen Pogrome in Kurhessen und Madgeburg-Anhalt und machte die Bemerkung, dass die Partei antijüdische Aktionen zwar nicht organisieren, aber auch nicht behindern werde. Anschließend gaben die SA-Führer von München aus telefonisch entsprechende Befehle an ihre Stäbe und Mannschaften durch.

Aus dem NS-Archiv: Fernschreiben von Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei, an die Staatspolizeistellen am Abend des 09.11.1938: „Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist). Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden. Die Polizei ist angewiesen, die Durchführung dieser Anordnung zu überwachen und Plünderer festzunehmen. In Geschäftstraßen ist besonders darauf zu achten, dass nicht jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden gesichert werden.“

SS und Gestapo organisierten die Verschleppung einer nicht exakt festgestellten Zahl jüdischer Männer und Jugendlicher (etwa 26.000) in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Viele von ihnen kamen dort infolge von körperlichen und psychischen Schikanen, von Medikamentenentzug u.a. um. Anderen wurde der Verzicht auf Eigentum abgezwungen. Die Masse der Inhaftierten kam erst nach Auswanderungserklärungen frei. Im Anschluss an die Pogromnacht wurden fast alle jüdischen Organisationen aufgelöst und die jüdische Presse verboten.

Der Klang der Stoplpersteine. – Bildrechte an diesem Symbolfoto: Klang der Stolpersteine

Juden durften jetzt keinen Handel, kein Handwerk und kein Gewerbe mehr betreiben, Diskriminierungen, Verbote und Auflagen wurden immer mehr, sie umfassten das gesamte alltägliche Leben. Den Juden in Deutschland wurde damit jegliche Existenzgrundlage genommen, wer konnte wanderte aus. – Hieran und an die Folgen der faschistischen Massenvernichtung von jüdischen Menschen wird heute auch in Jena beim sog. „Klang der Stolpersteine“ erinnert.

Das Programm (teilweise zeitgleich an verschiedenen Orten unserer Stadt):

– 17:00 Uhr: Lampionumzug durch’s Damenviertel, organisiert vom Förderverein des Kindergartens „Janusz Korczak“ / Ilse-Weber-Projekt des Christlichen Gymnasiums an der Stele Löbstedter Straße vor dem Kommunalservice-Gelände /// – 17:00 Uhr: vom Holzmarkt zum Westbahnhof veranstaltet das Ensemble der Freien Bühne Jena den Walkact „Spuren“ /// – 17:45 Uhr: Konzerte an allen Stolperstein-Orten und anderen Orten in der Stadt, u.a. auch singt die von Martin Gruner betreute A-capplella-Gruppe auf den Marktplatz /// – 18:15 Uhr: an allen Orten wird (örtlich getrennt, aber exakt zur selben Zeit) „Dos Kelbl“ gesungen /// – ab 18:20 Uhr: Umzug zum Westbahnhofvorplatz /// – 19:00 Uhr: Gedenkveranstaltung des Jenaer Arbeitskreises Judentum und der Stadt Jena auf dem Westbahnhofvorplatz, in dessen Rahmen alle gemeinsam (nun auch örtlich vereint) „Dos Kelbl“ singen, anschließend gemeinsamer stiller Weg zum Marktplatz /// – 20:00 Uhr: Abschluss auf dem Marktplatz





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