„Weiter auf Kurs!“ – Gespräch mit Rainer Sauer zu Radio Jena und Omnichannel-Media von JENAhoch2

07.11.18 • AUS DER REGION, JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, RADIO JENA, START, UNSER JENA, UNSER JENA & DIE REGIONKommentare deaktiviert für „Weiter auf Kurs!“ – Gespräch mit Rainer Sauer zu Radio Jena und Omnichannel-Media von JENAhoch2

(red) – Genau zwanzig Jahre ist es heute her, dass sich in der damaligen 8. Regelschule Alfred-Brehm in Lobeda-West (inzwischen befindet sich dort die Jenaplan-Schule Kaleidoskop) die Mitglieder der Rundfunkinitative „103komma4FM“ zusammenfanden und das lokale Hörfunkprogramm Radio Jena im Offenen Hörfunkkanal Jena konzipierten. Knapp fünfeinhalb Monate später gingen die ersten Sendungen der Rundfunkinitative bei Radio OKJ „on air“ und am 01.01.2000 begann Radio Jena als vollwertige Hörfunksparte bei Radio OKJ mit einem regelmäßigen 4-Stunden-Programm.

2007 eröffnete Radio Jena dann sein Online-Angebot mit dem sog. „Lichtstadt Netz“, das ab 2010 zu den „Lichtstadt News“ wurde, seit 2014 „JEZT – Jenas Zukunft mitgestalten“ hieß und in diesem Jahr als „JENAhoch2“ zum Omnichannel-Media-Angebot wurde. 2008 startete man außerdem unter dem Namen ZONO Liveradio-Übertragungen im Internet mit Sendungen zur „Stadt der Wissenschaft“ und den Stadtrat-Übertragungen.

Von Anfang an dabei sind Rainer Sauer und sein Team, die über die Jahre in Radio und Internet durch Multi-Media-Serien sowie umfassende Berichterstattungen zu lokalen wie überregionalen Themen die außergewöhnliche Qualität ihres Radioprogramms gewährleisten. Wir sprachen mit dem 59-jährigen Social Entrepreneur / Sozialunternehmer über die Zukunft der Jenaer Internet-Newsportale und den Umgang mit Lesern und Radiohörern.

Rainer Sauer – Foto © Matthias Weidner November 2018

Herr Sauer, sie haben vor 35 Jahren mit ihrer Rundfunkarbeit begonnen. Wie und wann kam es dazu?

Angefangen hatte das 1983 mit Sendungen in englischer Sprache für den italienischen Sender Radio Cento Fiori. „Electronic Music Made in Germany“ hießen die. Das habe ich aber noch in Frankfurt am Main im Studio aufgenommen und als Magnetband mit der Post nach Florenz geschickt, wo die Sendungen dann ausgestrahlt wurden. Ein Jahr später bekam ich ein Angebot des Hessischen Rundfunks (hr), dort die Radiosendung „Sounds vom Synthesizer“ zu machen. Da hatte wohl ein hr-Redaktuer in Italien meine Sendungen zufällig gehört und über die Kontaktadresse herausgefunden, dass ich damals in Hessen lebte. So kam ich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und  zu meiner Ausbildung als Tontechniker und Moderator. Zuvor hatte ich schon einige Jahre journalistisch gearbeitet. 1991 zog ich dann nach Jena…

…und gründeten hier mit anderen gemeinsam den Offenen Hörfunkkanal in Jena. Wie das?

Die Idee dafür entstand Mitte der 1990er Jahre. Wir hörten, dass sich in Jena ein Konsortium gebildet hatte um einen privaten TV-Sender zu starten und ich habe mich damals bei Stephan Schultze-Jena erkundigt, was er mit JenaTV vor hat und vor allem wie. 1998 gründete sich dann ganz offiziell der Trägerverein RADIO OKJ e.V. und der damalige Vereinsvorsitzende Frank Günther stellte bei der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) den Antrag sowohl ein OK-Radio- als auch ein OK-Fernsehprogramm zu gestalten. Das TV-Programm bekam schließlich Gera, heute ist das ein Medienbildungszentrum, und wir in Jena durften selbstgestaltetes Bürgerradio machen. Die Zulassung von Radio OKJ ist bis heute eine Sendelizenz der TLM und die basiert auf drei Säulen. Wir berichten u.a. mit Radio Jena über lokale Ereignisse, bieten Meinungsvielfalt und -freiheit, denn prinzipiell jeder kann bei uns auf Sendung gehen, und schließlich erfüllen wir den Medienbildungsauftrag., haben hierfür auch schon dem Thüringer Hörfunkpreis verliehen bekommen.

Sie waren einige Jahre lang im Vorstand des Trägervereins Radio OKJ.

Ja, gemeinsam mit dem heutigen Vorsitzenden des Jenaer Stadtrats, Jens Thomas von der Linkspartei. Er war Vereinsvorsitzender und ich sein Stellvertreter. Überhaupt war Radio OKJ in seinen Anfängen sehr bürgernah. Frank Günther war Gewerkschafter, Rainer Engelhardt bei der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde, Torsten Cott machte Reportagen über die Dinge, die aus der DDR-Zeit heraus im Nachwende-Jena verloren gingen. Ich leitete einen Schulförderverin mit hohem sozialen Anspruch, denn wir machten über Jahre den Schülerband-Rockwettbewerb, dia Aktion zum längsten Mathebild der Welt, den Sielmann-Ranger-Naturerlebnisgarten und so weiter. Ich erwähne dies, um zu erklären, weshalb unsere Stadt Ende der 1990er Jahre einen so guten Nährboden für Radio OKJ und damit auch Radio Jena darstellte. Damals war das komplette Programm allein durch die Nutzer getragen.

Welche Sendungen sind Ihnen heute noch erwähnenswert?

Neben unseren eigenen Sendungen wären das die Jugendadios Max.FM und Radio Young Power und natürlich das in seinen Auswirkungen wahnsinnig erfolgreiche Rabatz-Projekt von Dr. Ute Eckelkamp. Die Sendungen Hellborn Metal Radio und Jazz/Lyrik/Prosa/Blues von den leider viel zu früh verstorbenen Moderatoren Denis Funke und Karsten Storm. Funky Times mit Soullady Silke Holub und JFK mit Jens May, heute bei Antenne Thüringen, der damals bei uns noch Jens Kießling war. Und natürlich die Sendungen von Jens Thomas. Der fing beispielsweise schon 1999 damit an, Sitzungen des Jenaer Stadtrats ins Radio zu bringen. Zeitversetzt zwar am Folgetag oder am Wochenende, aber ungeschnitten. Das war Transparenz und Bürgerteilhabe pur. Nächstes Jahr feiern wir gemeinsam 20 Jahre „Stadtrat Live“ im Radio und so etwas kann man in Deutschland schon mit der Lupe suchen.

Welche Rolle spielt Radio Jena im Gefüge von Radio OKJ?

Seit knapp drei Jahren hat Radio OKJ wegen des neuen Thüringer Mediengesetzes einen festen publizistischen Auftrag, hat mindestens sieben Stunden täglich redationell gestaltetes Programm auszustrahlen. Darunter fällt auch das Campusradio am Morgen, Phönix FM am Nachmittag, Radio trottoir am Abend oder unser Radio Jena am Sonntag. Grundsätzlich aber gilt: Radio OKJ bietet allen Interessenten ein offenes Mikrofon und freut sich auf jeden, der das Angebot annimmt. Sein lokales Hörfunkprogramm Radio Jena hatte dann zuerst eine feste Redaktion, die News aus unserer Stadt und der Region aufbereitet und sendet und im Internet verbreitet. Heute macht Radio OKJ seine eigene redaktionelle Arbeit, die wir mit dem Omnichannel-Portal JENAhoch2 ergänzen. Also haben wir das im Grunde angeschoben. Aktuell ist unser Platz einer von vielen im OKJ-Gefüge. Wir machen lokales Radio für Jena und dei region und natürlich Omnichannel-Media.

Anders als zu Beginn ist Radio Jena nicht mehr auf Facebook und twitter aktiv – weshalb? Ihr beraubt Euch damit doch einer noch weiteren Verbreitung?

Mir persönlich gefällt es  nicht, wie man dort mit den Daten der Nutzer umgeht. Aber es gibt im Team doch starke Tendenzen, dass wir wieder auf twitter und Co. aktiv werden. Interessant ist aber, welche Verbreitung wir erfahren und wie viele leserinnen und Leser, trotzdem wir nicht auf twitter oder Facebook geteilt werden können. Ich finde das enorm.

Wie bekommt JENAhoch2 seine Infos, um Artikel und Berichte zu verfassen?

Es ist ja zum Glück so, dass JENAhoch2 über seine Vorgängerportale in unserer Stadt und der Region gut vernetzt ist. Das spart kostbare Zeit und heißt: wir bekommen erstens viele Infos als Mail oder per Post zugeschickt und zweitens direkten Input aus den unterschiedlichsten Bereichen. Da schreiben dann viele freie Redakteure zu den Themen, die sie bewegen oder die ihnen wichtig sind – egal ob es das Eine-Welt-Haus ist, die Kreishandwerkerschaft, das Uniklinikum, JenaKultur oder die FSU. Ich halte das für sehr wichtig, dass wir diesen Nutzern einen direkten Zugang zur Redaktion ermöglichen und uns erspart das die Arbeit, Nachrichten mühsam zusammentragen zu müssen. Trotzdem gibt es einen Kern von jungen Redakteurinnen und Redakteuren aber auch älteren Semestern wie Bernhard Doepfer, der beispielsweise zu Themen wie Weltraumforschung und Astronomie schreibt. Das wird sehr gerne gelesen, wie wir immer wieder feststellen können, aber das ist in einer Wissenschaftsstadt wie Jena auch nicht weiter verwunderlich.

Rainer Sauer im JENAhoch2 Redaktionsbüro Lobeda – Foto © MediaPool Jena

Schlägt sich das Interesse auch auf die Zugriffszahlen nieder? Und gibt es da Unterschiede zwischen Hörfunk und Newsblog?

Das Interesse ist seit einiger Zeit stetig gewachsen, was ursächlich mit dem Sterben einiger freier Newsportale in Jena zu tun hat, die über die letzten Jahre nahezu alle ihre Leserinnen und Leser verloren haben. Durch eigenes Versagen wurden da aus Millionen von monatlichen Klicks wenige Tausend. Zu gleicher Zeit sind unsere Zugriffszahlen nach oben gegangen und das hört nicht auf. Ganz so, als wenn Wechselwähler von der einen Partei genug haben und andere Parteien wählen. Wenn wir heute sehen, dass unser Podcast bei vielen Beiträgen teilweise Hunderte von Abrufen hat und das wie gerade erwähnt ohne Extra Social Media Werbung über Twitter oder Facebook, ebenso die Liveübertragung der Stadtratssitzungen im Radio, JENAhoch2 einzelne Artikel und Berichte mehrere Tausend Leser, dann können wir durchaus zufrieden sein.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe hierfür?

Es geht bei allem was wir machen immer darum, das Interesse bei den Zuhörern oder Lesern zu wecken und geweckt zu halten. Das wäre ja auch absurd, wenn man viel Arbeits- und Lebenszeit in Sendungen, Artikel oder Webseiten investiert und dann sieht man an den Zugriffszahlen, dass sich kaum jemand dafür interessiert. Wir haben uns in regelmäßigen Zeitabständen immer wieder neu erfunden, haben teilweise radikale Änderungen vorgenommen, die im Zeitgeist lagen, haben hierfür stets die Leser und Hörer befragt, um herauszufinden, wie sich deren Interesen ändern. Und vor allem: wir haben es ihnen erkärt und nicht einfach kommentarlos umstrukturiert oder Artikel gelöscht. So etwas versteht niemand und akzeptiert es auch nicht.

Wo gibt es Konkurrenz? Wer sind die Mitbewerber?

Das, was ich gerade sagte, steht natürlich alles unter dem Bewusstsein, dass man als, ich nenne das mal Zusatzmedium, nie die große Konkurrenz wird ausstechen können. Ganz oben ist der öffentlich-rechtliche und der private Hörfunk mit Zugriffszahlen, die verglichen mit uns außerordentlich sind. Dann natürlich die Mediengruppe Thüringen mit ihren Zeitungs- und Onlineangeboten und speziell in Jena nicht zu vergessen Michael Baumgartens „Jenaer Nachrichten“, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Es wäre irrational, anzunehmen, dass man dort mitmischen könnte. Aber als Social Entrepreneure, die wir sind in der Führungsebene des Projektes allesamt sind, versuchen wir, die Nische der qualitativ guten Zusatzinformationen für Jena und die Region auszufüllen und das klappt anscheinend. Konkurrenten gibt es da für uns heute keine mehr. Die haben sich zum Teil selbst erledigt.

Bei der Leitung der Projekte scheint gute und erfolgreiche Führung obligatorisch. Wie führen Sie?

Das müssen meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beantworten. Die wissen am besten, ob ich hart oder weich führe. Aber ich habe natürlich ein Konzept und das beinhaltet auch, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie das Handeln aller Beteiligten des Projektes nachhaltig gestärkt werden kann. Aber Führung ist zwar der Treibstoff zur Erreichung der gemeinsaman Ziele, aber ebenso wichtig ist meiner Meinung nach der institutionelle Rahmen, innerhalb dessen Führung stattfindet. Damit meine ich die Organisationsstruktur ebenso wie Entscheidungsspielräume, denke an Arbeitsmittel und -klima wie die redaktionelle Arbeit von Zuhause aus, durch die man Privat- und Berufsleben besser miteinander vereinbaren kann, oder Weiterbildungen und eine Art kleine finanzielle Entschädigung in der erhenamtlichen Arbeit. Unkostenbeitrag hätte man dies früher genannt.

Wer finanziert Radio Jena oder JENA hoch2 und wird dabei draufgezahlt?

Das muss man in einem größeren Zusammenhang betrachten. Mein Team und ich haben ja in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel Grundlagenarbeit zu leisten gehabt, haben Dinge, Technologien und Themengebiete erarbeitet, die nicht alleine dem Projekt JENAhoch2 zugute kommen. Der Auftrag war ja eben nicht, eine einzigartige Omnichannel-Plattform zu etablieren, sondern für das gesamte Projekt vorzudenken. Ich hatte das schon einmal gesagt und bleibe dabei: Investitionen lohnen sich für Social Entrepreneure immer dann, wenn sie selbst zwar wirtschaftlich wenig oderr nichts einbringen, aber Auswirkungen haben auf – wie hier – die Menschen in unserer Stadt und der Region.

Werden sich Prinzip und Verfahrensweisen des Projektes irgendwann einmal in der Region zeigen?

Genau das ist das Zeil, das wir seit 1998 verfolgen. Zuerst im Radio und seit mehr als einem Jahrzehnt auch im Internet. Unser Know-how wird gerade in die Region transferiert. Ich habe schon vor vier Jahren gesagt: Wenn unser Projekt gut ist und akzeptiert wird, werden Dinge entstehen, die auch andere Städte übernehmen können. Und diesen Kurs verfolgen wir weiter mindestens bis 2020.

Dann immer noch mit Ihnen als Chef?

Ich werde bald 60 Jahre alt und hatte mir vor zwanzig Jahren mal das Ziel gesetzt, mit 60 aufzuhören. Jetzt, da ich ein neues junges Team um mich habe, fällt mir dies einfacher.





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