Alles bleibt anders: „Ultima Thule“, das bisher entfernste Objekt, das von einer Raumsonde erkundet wurde, sieht nicht so aus, wie bisher gedacht

12.02.19 • INTERESSANTES, JEZT AKTUELL, NEWSCONTAINER, START, WISSENSCHAFT, MEDIZIN & TECHNIKKommentare deaktiviert für Alles bleibt anders: „Ultima Thule“, das bisher entfernste Objekt, das von einer Raumsonde erkundet wurde, sieht nicht so aus, wie bisher gedacht

Neues Modell des Doppel-Asteroids 486958 (2014 MU69) Ultima Thule – Grafik © NASA/Johns Hopkins Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute

(Bernhard Doepfer) – Kaum dachte man, dass man nun wüsste, wie der kleine Doppel-Asteroid 486958 (2014 MU69), dem die NASA den inoffiziellen Namen „Ultima Thule“ gab, aussieht, schon müssen sich die NASA-Wissenschaftler nach der Sichtung neuer Fotos revidieren. Knapp einen Monat hatte es gedauert, bis man erste detailreiche Aufnahmen des historischen Vorbeiflugs einer irdischen Raumsonde am bisher entfernsten Objekt am 01.01.2019 erhielt und dann schien klar: „Ultima Thule“ sieht wohl so ähnlich aus, wie der Komet „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ – genannt: Tschuri (wir berichteten).

Der nahe Vorbeiflug dauerte dabei nur gut vier Minuten. Innerhalb einer Zeitspanne „knipste“ die Weltraumsonde New Horizons mit ihren Kameras Foto um Foto und alle mit Belichtungszeiten von zwischen 0,10 bis 0,15 Sekunden. Der Grund für die kurze Belichtungszeit lag in der immensen Geschwindigkeit, mit der New Horizons an „Ultima Thule“ vorbei sauste: immerhin mehr als 50.000 Stundenkilometer. Nach Sichtung der Fotos war klar: „Ultima Thule“ besteht aus zwei, früher einmal eigenständigen Körpern (von den Wissenschaftlern der Einfachheit halber „Ultima“ und „Thule“ getauft), die sich im Laufe der Jahrmillionen an der Berührungsstelle durch Eis verschmolzen bzw. verbunden haben. Und nach den Erfahrungen mit Komet Tschuri nahm man an, dass beide Körper im wesentlichen rund bis kugelförmig seien. – Weit gefehlt!

Erste detailreiche Nahaufnahme von Ultima Thule © NASA/Johns Hopkins University Applied Physics Laboratory/Southwest Research Institute

Da New Horizons die abgespeicherten Daten des Vorbeiflugs automatisch und ohne Rücksicht auf „gute“ Fotos Ordner für Ordner (und dies auch noch mega-langsam) an die Erde überträgt, heißt es abzuwarten, was noch so alles ankommt. Nun waren es letzte Woche Aufnahmen, die das Himmelsobjekt 486958 (2014 MU69) etwa zehn Minuten nach dem Vorbeiflug und rund 8.862 Kilometer entfernt zeigen – aufgenommen sozusagen „von hinten“, sprich: im Gegenlicht. Um hier möglichst helle Bildaufnahmen zu erzielen, war die Blende weit aufgezogen worden, so dass man auch die Sterne gut erkennen kann.

Und dabei kam die Überraschung zutage: „Thule“, der kleinere Teil des Objektes, ist tatsächlich weitgehend rund und recht kugelförmig wie eine Art „verbeulte Walnuss“, wie es die NASA beschrieb. „Ultima“ dagegen ist relativ platt, ähnelt eher einem Pfannkuchen. Die Kombination mehrerer Fotos des rückwärtigen Vorbeiflugs ergibt eine Art Film, der anhand der nicht verdeckten Sterne diese neue Sicht der Dinge bestätigt. Alan Stern vom Southwest Research Institute erläuterte die unerwartete Entdeckung mit den Worten: „Wir müssen herausfnden, wie so ein Objekt entstehen kann. Wir haben noch niemals etwas Vergleichbares entdeckt, das die Sonne umkreist.“

Aus dem Vergleich, welche Sterne beim rückwärtigen Vorbeiflug an „Ultima Thule“ verdeckt wurden und welche nicht, konnten die Wissenschaftler die Form der beiden Teile des Asteroids ermitteln und ein wissenschaftliches Modell erstellen (siehe ganz oben). „Das modellierte Formmodell, das wir aus allen vorhandenen Ultima Thule-Fotos abgeleitet haben, stimmt bemerkenswert mit dem überein, was wir auf dem Film des rückwärtigen Vorbeiflugs sehen“, berichtet nun Simon Porter, Missions-Wissenschaftler von New Horizons vom Southwest Research Institute. „Dass sowohl ‚Thule‘, aber vor allem ‚Ultima‘ viel flacher sind, als ursprünglich angenommen und erwartet, wird zweifellos neue Theorien der Bildung von planetenartigen Objekten im frühen Sonnensystem motivieren“, fügte Hal Weaver, vom Johns Hopkins Applied Physics Laboratory hinzu und Ralf Jaumann vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin glaubt, dass der Doppelasteroid das Ergebnis einer Kollision der beiden Teile ist, wobei diese ihre urprüngliche Form im Wesentlichen beibehalten haben, denn „die Gravitation war nicht groß genug, dass sich eine Kugel bildet und die Fliehkräfte wiederum waren nicht stark genug, dass das ganze Ding zerbricht.“

Die Einzelfotos der Film-Sequenz wurde am 1. Januar 2019 um 12:42 Uhr EST aufgenommen, als New Horizons etwa 6,6 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt war. Das NASA-Wissenschaftsteam kombinierte und verarbeitete die Bilder, um die Unschärfe zu entfernen und den dünnen, sichelförmigen „Halbmond“ des Doppel-Asteroids besser erkennbar zu machen. Nicht ohne Stolz merkte die NASA an, dies sei „der am weitesten entfernte Film eines Himmelsobjekts, der jemals von einem Raumfahrzeug gemacht wurde“.





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